Versiertes aus dem Morgenland

- Das Ende bleibt rätselhaft. Papas Auftrag ausgeführt, eine Braut gefunden - doch nun will Al Kasim noch dem lieben Dämon einen magischen Apfel bringen. Der Held wandert einsam davon, und Hans Werner Henzes Musik hebt an zum wortlosen Lamento: Kehrt er zurück? Das instrumentale Finale raunt von anderem. Ein Weltabgesang, dunkel und viel sagend, mit dem der Komponist Mahler'sche Melancholie beschwört. Und zugleich wohl die letzten Klänge, die Henze dem Musiktheater schenkte.

<P>Denn: "L'Upupa und der Triumph der Sohnesliebe", diese im Kleinen Salzburger Festspielhaus uraufgeführte Oper, soll auch die letzte des 77-Jährigen sein. Für das Märchen mit dem Furcht erregenden Untertitel "deutsches Lustspiel" schrieb Henze erstmals selbst das Libretto. Das Ergebnis? Genau das, was bei Avantgarde-Jüngern Ekelanfälle provoziert: eine klassische, linear erzählte Nummern-Oper, Dialoge, rezitativische Strecken, ariose Formen und Ensembles inklusive. </P><P>Und dem Vorwurf, hier werde "nur" Vergangenes beschworen, begegnet Henze, der "Traditionalist" ja nie als Beschimpfung auffasste, offensiv: mit einem Sujet, das sich Mozarts "Entführung" und der "Zauberflöte" nähert (zum Teil durch wörtlich Übernommenes), auf Wagners zweiten "Tristan"-Akt anspielt (im Liebesduett mit den "Habt acht"-Rufen des Dämons), sogar Bibelstellen oder eine Bach-Passion zitiert.<BR><BR>Henze, dieser Tonschöpfer im Dienst des Publikums, gibt dem Wort den Vorrang, fast alles ist also verständlich. Die Übergänge zwischen Sprechen, Sprechgesang und vokaler Phrase verschwimmen. Und grundiert wird dieses Konversationsstück von einer Musik, die sich ihres Finessenreichtums, ihrer Variabilität sicher ist, dies jedoch nie eitel ausspielt. Ein Gespinst aus morgenländischen Exotismen und abendländischen Tänzen (Walzer, Fandango), aus flirrenden Klangspielen und lasziven Momenten, aus Vogelstimmen - imitiert, verfremdet oder real über Band zugespielt - und fratzenhaften Zuspitzungen. Mehr noch als Illustrierung oder atmosphärische Ausstattung gibt sich diese Musik "wissend", offenbart Hintergründe, lässt dann die Figuren wie mit gespaltener Zunge reden.<BR><BR>Doch am meisten imponiert, wie Henze den großen, um viele Schlaginstrumente ergänzten Orchesterapparat ausdifferenziert, ihn dabei stimmschonend einsetzt. Wie dieser Filigranarbeiter den Erfahrungsschatz des Spätstils zu großer Raffinesse nutzt, dabei ein kleines, feines Kammerspiel schafft. Für Avancierteres öffnet sich Raum in den Zwischenspielen - sie sind die mutigsten, nachhaltigsten Momente des Zweieinhalbstunden-Werks.<BR><BR>Denn Henzes virtuose Abgeklärtheit, seine in Jahrzehnten gewachsene Versiertheit stehen ihm auch im Weg: Wo sich der Text amüsant liest, wirkt die Vertonung oft betulich. Darunter leiden besonders Buffo-Szenen, die Aktionismus statt Komik bieten. Überdies franst manches in undramatische Redseligkeit aus. Der Komponist als sein Librettist? Mag sein, dass Henze doch einen befruchtenden Widerpart benötigt hätte.<BR><BR>Ein Alarmzeichen: wenn gesprochener Dialog mehr Wirkung entfaltet als Vertontes. Und zugleich Signal dafür, wie viel Henze seinem szenischem Team Dieter Dorn (Regie) und Jürgen Rose (Ausstattung) verdankt. Eine zauberhafte Inszenierung in schönen, klaren Bildern, die sich feinfühlig hinters Werk stellt. Die es in die Atmosphäre eines sengenden, in Lichtfarben schwelgenden Tropentags taucht, die auch Magie ergänzt, wo die Vorlage schwächelt. Und die in ihren fantasievollen, fast übertrieben kreativen Kostümen der Aufführung dezente Ironie verleiht.<BR><BR>Dies ist l'Upupas kleine Welt: ein Kugelsegment, das von einem Bogen dominiert wird. Zwischenvorhänge oder seitlich hereingeschobene Wände erlauben rasche Szenenwechsel - zum Blumenwald des Sultans (den Hanna Schwarz als grotesken Greis gibt), auch zur großen Mohnblüte, in der Badi'at ihres Retters harrt - von Laura Aikin mit kristalliner, müheloser Linienführung und mädchenhaftem Charme gestaltet.<BR><BR>Die begrenzte darstellerische Komik Matthias Goernes, der die Hauptrolle mit liedhaft abschattiertem, auch leicht glanzlosem Bariton singt, münzt Dorn geschickt um: Dieser Al Kasim ist ein sympathisch-tumber Junge, der mit aufgerissenen Augen die Welt bestaunt, der die Hilfe des Dämons daher sichtlich benötigt. John Mark Ainsley, ein gezauster schwarzer Engel, der versehentlich durchs Feuer geflattert scheint, gibt ihn als selbstverliebten, zickigen, wiewohl liebenswürdigen Kumpan. </P><P>Das Märchen trifft nur<BR>ansatzweise ins Herz</P><P>Ainsley interpretierte die vokal reichhaltigste, von barockem Zierrat bis zur kraftvollen Dramatik reichende Partie bestechend - und wurde dafür mit Ovationen gefeiert. Wie sich überhaupt für diese Uraufführung keine glücklichere Besetzung denken lässt: die Wiener Philharmoniker, die sich unter dem souveränen Steuermann Markus Stenz in die Partitur geradezu hineinsteigerten, ihre raffinierte Klanglichkeit erspürten; auch der eindrückliche Alfred Muff (alter Mann), Günter Missenhardt (Dijab) und die aufgekratzten "Brüder" Axel Köhler (Adschib) und Anton Scharinger (Gharib). Bestmögliche, festspielwürdige Voraussetzungen also - doch das Opus, obwohl doch als Märchen gedacht, trifft nur ansatzweise ins Herz.</P><P> Er wollte, so notierte Henze, im Schatten aktueller Bedrohung "die im Dunkel der Gezeiten dahindämmernden Paradiese aufleuchten lassen". Ob dies gar einem zeitgenössischem Tonschöpfer nicht mehr möglich scheint? Ein beängstigender Gedanke . . .<BR></P><P> </P><P> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Jansons zum Konzertsaal: „Ich bin noch nicht beruhigt“
Der Architektenwettbewerb ist entschieden, ab 2018 könnte gebaut werden. Doch wie soll das Münchner Konzerthaus geführt werden? Dirigent Mariss Jansons denkt an eine …
Jansons zum Konzertsaal: „Ich bin noch nicht beruhigt“
Hisham Matar und sein schwieriges Vater-Land
Hisham Matar erzählt in „Die Rückkehr“ von seiner Heimat Libyen und von der Suche nach seinem Vater, der von Gaddafis Schergen entführt wurde. Dafür wird der Autor in …
Hisham Matar und sein schwieriges Vater-Land
Der Höllen-Glöckner von AC/DC
Zusammen mit seinem Bruder Angus gründete Malcolm Young 1973 AC/DC und schrieb Rockgeschichte. Jetzt ist der Gitarrist nach langer Krankheit im Alter von 64 Jahren …
Der Höllen-Glöckner von AC/DC
Marilyn Manson in München: Wie Luzifer auf dem Thron
Trotz eines gebrochenen Beins tritt Marilyn Manson in der Münchner Zenithhalle auf. Dort bietet er seinen Fans eine kurze, aber wohl unvergessliche Show - bis die …
Marilyn Manson in München: Wie Luzifer auf dem Thron

Kommentare