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Die aufregendste deutsche Nachkriegsarchitektur nach dem Münchner Olympiastadion: die Hamburger Elbphilharmonie von Jacques Herzog und Pierre de Meuron.

Spektakulärer Konzertsaal für 789 Millionen Euro

Viel Harmonie: Hamburger Elbphilharmonie fertiggestellt

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Hamburg - Der Bauskandal und sein versöhnlicher Abschluss: Die Hamburger Elbphilharmonie ist fertig, eine Architektur, von der sich nur schwärmen lässt. Ein Besuch.

So sieht die Hamburger Elbphilharmonie von innen aus

Den Barkassenfahrer darf man nicht fragen. Von seinem kleinen Anleger startet er zu zweistündigen Hafenrundfahrten. „Irrsinn“, „total verrückt, neeech“, das ist noch das Harmloseste, was man von ihm über die 789 Millionen Euro hört. Was auch daran liegt, dass hier die Elbphilharmonie am gebieterischsten wirkt. Ein Fels, an dem sich der Fluss teilt. Ein himmelsstürmender Kristall, kilometerweit sichtbar für die vom Meer her einfahrenden Schiffe. Eine Landmarke wie ein Naturwunder. Und dann das Paradox: Nähert man sich dem Bau von der anderen Seite, von der immer schicker werdenden Hamburger Hafencity, so scheint er zu schrumpfen, wird eingemeindet in eine Stadt, die sich – nach München mit seinem Olympiagelände – die aufregendste deutsche Nachkriegsarchitektur gegönnt hat.

Am 1. November war Schlüsselübergabe, seit dem 5. November darf die Öffentlichkeit auf die Plaza. Die ist die Verbindungsebene, in 37 Metern über der Elbe angesiedelt, zwischen dem alten Kaispeicher A und seinem Aufbau. Wie überhaupt das Gebäude, vor dem man nur schwärmend in die Knie gehen kann, gleich in mehrfacher Hinsicht Scharnier ist. Zwischen dem Stadtzentrum und dem Industriegebiet auf der anderen Elbseite. Zwischen Land und Wasser, zwischen Himmel und Erde. Vor allem zwischen einer Zeit, als Hohn und Spott auf die Hanseaten einprasselten wegen ihrer Skandalplanung, und diesem Herbst, in dem sich alle Welt schier besäuft am Ergebnis dieser wilden Jahre.

Demokratischer Saal für 2100 Zuhörer

Und das Allerseltsamste, zugleich Wunderbarste ist: Das größte Spektakel bietet wirklich „nur“ der Blick von der Hafenseite. Wer das Gebäude betritt, staunt – und sieht doch überall nobles Understatement. Was dem Basler Architektenbüro Herzog & de Meuron hier glückte, ist ein Bau, der weltweit Einzigartiges bietet, zugleich seine Bewunderer selbstbewusst und einladend zu beschwichtigen scheint. Der Katakombengang auf der Hafencity-Seite zum Kassenbereich ist ein Beispiel dafür. Auch die 82 Meter lange, gebogene Rolltreppe zur Plaza, die nach oben ins Nichts zu führen scheint. Dann die Foyers mit ihren weißen Wänden (Schmutzgefahr?) und dem hellen Holzboden. Sogar der Große Saal selbst mit seiner Terrassenlandschaft, den Wellkarton-artigen Holzwänden, die zum Betasten verführen, und der Farbgebung in Graubraun, die das Auge so beruhigt.

Dass hier 2100 Menschen ab dem 11. Januar 2017 Konzerte erleben dürfen, glaubt man nicht. Das Podium wird umarmt von weich geschwungenen Tribünen. Sitzblöcke und freier Raum sind in angenehmer Balance. Steil fallen die Ränge ab (ein Fall für Schwindelfreie), sodass der Hörer in der hintersten Reihe tatsächlich nur 30 Meter vom Podium entfernt ist. Ein demokratischer Saal also, bei dem man nicht weiß, wo die besten Plätze sind: vorn? In der ersten Etage? Oder vielleicht doch ganz oben beim alpinen Musikerlebnis? Dass der Klang formidabel sein dürfte, dafür bürgt der japanische Star-Akustiker Yasuhisa Toyota. Karten gibt es für die Monate nach der Eröffnung so gut wie keine mehr, der Schwarzmarkt läuft heiß. Thomas Hengelbrock und sein NDR Elbphilharmonie Orchester haben schon geprobt. Und bei der majestätischen Coda von Brahms’ erster Symphonie, so gestand der Dirigent gerade der „Zeit“, hätten alle geweint.

Nebenan, im Kammermusiksaal, wird noch gewerkelt. Nicht nur für die Musik, auch für Theater oder Modenschauen könnte der genutzt werden. Ein hoher Raum, der sich in einen Scheinwerferhimmel öffnet und der ebenfalls mit seiner gewellten Holzstruktur an den Wänden zum (Be-)Greifen einlädt. Besonders gefragt ist in diesen Tagen das Duo Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Die sind längst – man nehme nur die Tate Modern in London, die Münchner Arena und das „Vogelnest“ des Pekinger Olympiastadions – in den Architektenolymp aufgefahren. Und sie haben, so beteuert Herzog, nie an der Elbphilharmonie gezweifelt. „Die Schönheit des Projekts hat es gerettet, seine Verführungskraft“, sagt der Schweizer sehr ruhig und will nicht falsch verstanden werden. „Letztlich ist es das, was über Jahrhunderte das Erscheinungsbild der Städte trägt.“

Ob die Hafencity wirklich ein Viertel für alle wird?

Gleichwohl: Hamburg wird an die Philharmonie noch hinwachsen, sie vollständig eingemeinden müssen. Tagsüber mag die Hafencity mit ihren Cafés, Restaurants, Büros und Geschäften einigermaßen belebt sein. Aber für wuselige Urbanität auch abends ist es noch zu früh. Wie man sich überhaupt fragt, ob dort, in diesem noblen Karree, jemals Leben stattfinden wird, an dem wirklich alle Bevölkerungsschichten teilnehmen. Das Münchner Architektenbüro Brückner hat mit dem Innenausbauer Schotten & Hansen zum Beispiel im 24. Stock der Elbphilharmonie ein 230 Quadratmeter großes Penthouse eingerichtet, alle Bauteile wurden im Freistaat gefertigt. Ein Stück weiter ragt ein Wohnturm auf, in dem das oberste Objekt mit zwölf Millionen Euro zu Buche schlägt. Belebung eines Aschenputtel-Stadtteils also, wie es auch die Münchner mit ihrem Konzertsaal am Ostbahnhof wollen? Nicht nur das Beispiel Hamburg zeigt: Aufwerten heißt sehr oft Luxurieren.

Ab sofort wird sich die Elbphilharmonie öffnen für die Begeisterten, die auf die Plaza fahren, dort einen Kaffee trinken oder an einer Führung teilnehmen. Auch das ist vielleicht das Geheimnis dieses freundlichen architektonischen Solitärs: Der Schwung des Daches (ein Zelt? eine Welle?) findet sich überall wieder. Bis hin zu den Ausbuchtungen der Glasfassade, die von der Firma Josef Gartner aus dem bayerischen Gundelfingen geliefert wurde und die das Wolken- und Lichtspiel nicht nur reflektiert, sondern so hinreißend neuinszeniert. Man steht auf einer der Terrassen und erlebt Hamburg neu. Weil nun der Logenblick möglich ist auf Kräne, Docks, Anlegestellen und Containerschiffe – und auch auf das dunkelrote, graue Häusermeer, aus dem sich die Kirchtürme erheben. Vor allem einer grüßt herüber, der Michel, dem die Elbphilharmonie nun den Rang abläuft als Wahrzeichen. „Lange war er allein das Symbol für Hamburg“, sagt Nicholas Lyons, Projektleiter von Herzog & de Meuron. „Jetzt sind wir Partner.“

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