Die Versöhnung von Geist und Macht

- "Es ist mit Deutschland relativ gut geworden." Kurt Sontheimer, der heute 75 Jahre alt wird, ist keiner von denen, die sich selbstzufrieden zurücklehnen. Aber eine gewisse Altersmilde ist bei dem Politikwissenschaftler, der zu den Gründervätern seines Fachs gehört und der breiten Öffentlichkeit nicht nur als Bestsellerautor, sondern als kämpferischer Kommentator bekannt wurde, nicht abzusprechen: "Ich bin keiner von denen, die sagen, dass es in Deutschland nicht besser zugehen könnte", meint er, "aber das Schicksal der Republik steht nicht mehr auf dem Spiel".

Dazu hat er selbst einiges beigetragen. Wie wenige andere - etwa Ralf Dahrendorf, Karl Dietrich Bracher, die beiden Historiker-Brüder Hans und Wolfgang J.Mommsen - repräsentiert Kurt Sontheimer eine bestimmte Generation, zugleich einen kulturellen und politischen Bildungsweg. Er ist einer der ersten originär bundesrepublikanischen Wissenschaftler, die mit dem "Deutschen Geist" der Zeit vor 1945 nicht mehr in Berührung kamen, wenngleich sie als Flakhelfer noch den Schrecken des Krieges und der deutschen Diktatur am eigenen Leib miterlebt haben. Für sie war das "Nie wieder!" der "Stunde Null" nicht nur moralisch-politisches Gebot, sondern Lebenserfahrung.<BR><BR>Akademisch ist Sontheimer, 1928 bei Baden-Baden in pietistischem Milieu geboren, ein Kind der Westbindung. Zunächst arbeitete er als Übersetzer der französischen Armee, dann studierte er in Freiburg Geschichte und Soziologie. Prägend wurde auch ein Gastaufenthalt in den USA. Mit erst 32 Jahren habilitierte sich Sontheimer mit seiner damals bahnbrechenden, bis heute wichtigen Studie "Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik" (nach wie vor bei dtv).<BR><BR>Ähnlich wie Bracher und Dahrendorf betont er die "Steigbügelhalterrolle" des Nationalismus und der bürgerlichen Rechten für die Machtergreifung der NSDAP. Dabei ist Sontheimer selbst, dessen zweites Buch 1961 über "Thomas Mann und die Deutschen" handelt, bürgerlich im besten Sinne: gebildet, urban und kosmopolitisch denkend, neugierig, frei von aller kultureller Borniertheit, weder den Untergang des Abendlandes fürchtend, noch nach dem "Neuen Menschen" lechzend. Seine Utopie ist die seines Lieblingsautors Thomas Mann, die der Versöhnung von Geist und Macht, der vernünftige Ausgleich: "Ich lehne mich instinktiv nach links, wenn der Kahn rechts zu kentern droht und umgekehrt", zitiert er Mann.<BR><BR>Zwischen 1961 und 1995 lehrte Sontheimer in Berlin und München, schrieb knapp 20 Bücher, darunter sein Standardwerk "Einführung in das politische System der Bundesrepublik Deutschland", war Präsident des Evangelischen Kirchentages und an der Tutzinger Akademie Leiter des "Politischen Clubs". 1969 machte er Wahlkampf für Willy Brandt, seitdem gilt er den Rechten als Linker; viele Linke aber halten ihn für einen Konservativen. Also ein Liberaler im besten Sinne: zwischen allen Stühlen, skeptisch und mittendrin.<BR>

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