Versöhnung von Gott und Mensch

- Keine andere Weltreligion hat das Transzendente so sehr als Person, als im Dialog zugängliches Gegenüber empfunden wie das Judentum. Mit ihrem Gott hadern sie, ihn flehen sie an und ihn preisen sie, die Könige, Propheten, Ratsherren und Richter aus der später von den Christen als "Altes Testament" abqualifizierten Judenbibel - und bekommen Antwort. Später scheint sich Gott das Schweigen angewöhnt zu haben: Das Ich, das in der dritten Symphonie "Kaddish" des amerikanischen Juden Leonard Bernstein die Auseinandersetzung mit ihm sucht, bleibt auf sich alleine gestellt.

<P>Dennoch zeigte sich im achten Abonnementkonzert der BR-Symphoniker unter Yutaka Sado im Münchner Gasteig, dass Bernstein über die nüchterne Kühle essenzieller Religionskritik nicht gebot: Redselig, manchmal sentimental geben sich die zwischen Rebellentum und Hingabe schwankenden Texte, die Boris Carmeli als Sprecher präzise in die Vertonungen des jüdischen Totengebets einfügte. Die führten von den zwölftönerischen Quälungen der ersten Sätze schnurstracks zur diatonisch verklärten finalen Mensch-Gott-Versöhnung unterm Regenbogen. Dass solches in die Nähe religiösen Kitsches geriet, konnten auch der exakte Gesang des Chors des BR, der voll und klar tönende Sopran von Karita Mattila, die spröd-zarten Stimmen des Tölzer Knabenchores, die vital musizierenden Instrumentalisten nicht verhindern. </P><P>Deutlich diskreter hatte der Abend mit dem konzentrativ-verinnerlichten "Requiem für Streichorchester" des 1996 verstorbenen japanischen Komponisten Toru Takemitsu begonnen. Bruno Leonardo Gelber wurde für seine Interpretation des ersten Klavierkonzerts von Felix Mendelssohn gefeiert: Tatsächlich gewann sein rubato-lebendiger Zugriff dem hell, am Rande blecherner Enge intonierten Flügel feine Nuancen zwischen Zurückhaltung und Auftrumpfen ab - eine ausgewogene Balance zwischen Solist und Orchester wollte sich zumindest im unteren Saalbereich dennoch nicht einstellen. <BR><BR></P>

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