Versponnenes und Raffiniertes

- "Pertolzhofener Kunstdingertage" - die sind in dem Oberpfälzer Örtchen ein Ereignis. Heiko Herrmann, der Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre dem "Kollektiv Herzogstraße" angehörte, hat sie vor zehn Jahren initiiert: Einige Künstler werden eingeladen, um zwei Wochen zusammen zu arbeiten. Ein Ausläufer dieses Treffens hat jetzt die Münchner Rathausgalerie erreicht. Gemälde, Zeichnungen, Objekte, Plastiken von zehn Künstlern sind dort unter dem Motto "Offene Grenze" ausgestellt.

<P>Ziemlich missglückt ist in der zugegeben schwierigen Halle die Präsentation der doch so unterschiedlichen Arbeiten. Der erste Eindruck - Sammelsurium - schreckt ab. Wer dieser Irritation getrotzt und nicht kehrt gemacht hat, stößt auf viele spannende Arbeiten. Als Betrachter muss man sie allerdings erst aus dem optischen Wirrwarr quasi herauslösen und neu ordnen. Am innovativsten sind Heribert Heindls überarbeitete Plakate. Nur noch andeutungsweise belässte er den Kommerz-Druck, um ihn so raffiniert wie unaufdringlich in ein freies Kunstwerk zu verwandeln. Das Plakat mit seinen Rasterpünktchen zitiert einen gewaltigen Pinselstrich, dessen "Kollege" scheint Decollage (also abgerissenes Papier) zu sein, ist aber Druck, und dann gibt's noch eine Spray-Linie - Graffiti ? - nein, wieder ein Zitat. Das alles ist obendrein schlankweg schön.</P><P>Herrmann selbst ist mit seinen bekannten Gemälden der sich in sich selbst verbeißenden Formen, so einer Art wild gewordener Fleisch fressender Pflanzen, vertreten. Neuer, frischer sind seine skurrilen, knallfarbigen Terrakotta-Plastiken, die mit den ruhigen, feingliedrigen Betongüssen Friedemann Grieshabers kontrastieren. Er benutzt architektonisches, baukörperliches Formen-Vokabular.</P><P>Das Stille suchen auch Franziska Hufnagel und Albertrichard Pfrieger. Letzterer mit in sich versponnenen Zeichnungen, die der Besucher der Schau mit eigenen Geschichten und Empfindungen füllen kann. Hufnagel erinnert mit Schwarzweiß-Gemälden an alte Fotos ("Vater und Sohn"), schafft es sogar, damit verborgene Familientragödien anzudeuten. Altes aufzunehmen und umzumodeln, versucht auf ganz andere Art Berthold Reiß mit seinen Rundbildern. Die Tondi sind mit Schablonenmalweise aus ihrem traditionellen Status herausgelöst, erinnern vom Motiv her zugleich ans Altertümliche: eine ravenna-strenge Agathe, Bauernhof, Orchester - auch hier eine "offene Grenze".</P><P>Bis 4. September, Di.-So. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr. Eintritt frei.</P>

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