Versprochen ist versprochen

München - Dieter Dorns zweite Inszenierung fürs Cuvilliés-Theater: Die Uraufführung "Idomeneus" von Roland Schimmelpfennig

"Das Leben. Was für ein Geschenk." Und: "Versprochen ist versprochen." Was am Ende in "Idomeneus" gesagt wird, das gilt: für die Bühne, die das Leben widerspiegelt, im Allgemeinen; fürs Cuvilliés-Theater, das jetzt wiedereröffnet wurde, im Besonderen; und fürs Bekenntnis der Theaterleute, den Rokoko-Schauplatz dauerhaft in Besitz zu nehmen. Nach der großen Festpremiere der Mozart-Oper "Idomeneo" anlässlich der Wiedereröffnung des Cuvilliés-Theaters (wir berichteten) wurde hier einen Tag später das Schauspiel "Idomeneus" uraufgeführt.

Ein Bekenntnis zu Geschichte und Geschichten, zu Mythos und Gegenwart. Roland Schimmelpfennig hat einen grandiosen Text geschrieben. In 16 mehr oder weniger kurzen Szenen erzählt er die Story des antiken Kreta-Königs Idomeneus: wie er als siegreicher Schlächter aus dem Trojanischen Krieg heimkehrt. Wie er auf dem Meer dem Sturm trotzt, indem er mit Gott Poseidon einen Handel abschließt: ein Menschenopfer für seine Rettung. Und wie er den Deal - o, tragisches Schicksal! - ausgerechnet mit dem Leben seines Sohnes Idamantes zahlen muss. Gleich bei der Landung am Strand von Kreta schneidet er ihm denn auch die Kehle durch.

"So war das nicht. So ist es nicht gewesen", heißt es da in dem neuen Stück. Nein? Ist der Ausgang in der Oper nicht ein anderer, ein positiver? Ja, aber das ist nur eine, aus der Mozart-Zeit heraus erzählte Version des Mythos. Es gibt aber so viele Möglichkeiten und Varianten. Und Schimmelpfennig führt sie uns vor. Jede einzelne höchst spannend. Wahr oder nicht wahr - die Schauspieler malen sich die Situationen aus, stellen dar, wie es gewesen sein könnte.

Als gingen wir Zuschauer in ein Menschen-Museum, das aber nicht nur Museum, sondern das Leben, das Gegenwart, das Wirklichkeit ist. Das ist der Clou dieses in musikalisch durchstrukturierter Sprache verfassten Textes und der Clou dieser Inszenierung. Dieter Dorn, der sich als Regisseur der Oper "Idomeneo" ganz auf die psychologischen Feinheiten und seelischen Finessen der Mozart-Figuren eingelassen hat, geht in dem parallel inszenierten Schauspiel "Idomeneus" den umgekehrten Weg.

Das fängt schon damit an, dass er das Publikum auf die Bühne und seine Schauspieler in den Zuschauerraum schickt.

Ein ungeheuer starker Eindruck. Wenn sich die etwa 175 Besucher - mehr geht nicht - durch den schmalen Logengang und über die winzige Seitenbühne gezwängt und endlich dort Platz genommen haben, wo noch tags zuvor die Opernsänger agierten, scheint plötzlich die Bühne aller Magie beraubt; sie ist nichts weiter als ein mit Podesten und Bänken bestückter Zuschauerraum. Hinter dem Eisernen Vorhang. Doch dann signalisiert kurzer Lichtwechsel den Beginn. Langsam, behäbig fast fährt der Eiserne hoch und gibt nach und nach den atemberaubenden Blick in den Zuschauerraum frei, aufs Parkett und auf die Ränge, auf die Lüster, auf den Orchestergraben. Der Saal in seiner ganzen Rokoko-Seligkeit, in seiner rot-gold-weißen Üppigkeit liegt vor uns.

Aber dennoch ein leerer Raum. Ein Raum der Imagination, der Erinnerungen. Und für diesen Moment ein Raum ungewöhnlicher Stille. Von hinten betreten die Schauspieler den Saal, sehr leise gehen sie langsam und staunend durch die Reihen. Sich genau umsehend, machen sie sich mit ihren Blicken diesen Raum zu eigen. Und beginnen, die Geschichten von Idomeneus zu erzählen. Und füllen sie, da sie ja Menschen von heute sind, mit ihren Erfahrungen und ihrer Fantasie an.

Mal sprechen sie im Chor, mal als Solisten, dann wieder im Duett, Terzett oder Quartett. Sie sitzen, stehen oder gehen im Parkett oder in den Ranglogen. Immer wieder neue, überraschende Anordnungen. Mal ist es, als kommentierten sie indiskret die Bildausstrahlung des Ehebruchs der Meda, Idomeneus' Frau. In einer anderen Szene erzählen die "Alten" unter den 14 Darstellern davon, wie Sohn Idamantes vom Vater getötet, geschächtet wurde, von den Grausamkeiten, zu denen der Krieg die Männer befähigt, vom Sterben, vom Heimkehren der Väter. Und in allem schwingt hier das Wissen vom Leben, vom Schmerz und von der Verlorenheit mit.

Dann wieder imagieren Text, Regisseur und Schauspieler die nicht unkomischen Seiten des Liebes- und Familienlebens anhand der Rückkehr des Königs. Und unversehens geraten die Variationen darüber zu kleinen, pikanten, wunderbaren Szenen einer Ehe.

Wie in Stück und Inszenierung Mythos und Gegenwart ineinander verwoben sind, das ist grandios. Und wie die Stimmen der Schauspieler, der Kanon der unterschiedlichen Tonlagen, sich zu einem Chorkonzert antiken Musters formieren, ist faszinierend. Das geht in dieser Qualität auch nur, wenn als "Chorführer" Schauspielerpersönlichkeiten zur Verfügung stehen wie Sibylle Canonica und Stefan Hunstein, Heide von Strombeck, Helmut Stange und Arnulf Schumacher.

Wer jetzt aber noch klagen sollte über die miserable Sprechkultur an deutschen Theatern, der muss sich "Idomeneus" im Cuvilliés ansehen. Ganz ohne Mikroports, und es ist jedes Wort zu verstehen. Eine Aufführung, die in jeder Hinsicht erstaunlich ist. Denn sie ist ganz einfach: "Das Leben. Was für ein Geschenk." Und ein Versprechen für Kommendes.

Die Besetzung

Regie: Dieter Dorn. Bühnenbild: François Cuvilliés. Darsteller: Ulrike Arnold, Sibylle Canonica, Anna Riedl, Anne Schäfer, Eva Schuckardt, Heide von Strombeck, Lisa Wagner, Ulrich Beseler, Stefan Hunstein, Shenja Lacher, Felix Rech, Arnulf Schumacher, Helmut Stange, Stefan Wilkening.

Weitere Aufführungen:

17., 19., 20., 21. 23. 30 Juni.

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