Verständigung durch Streit

- "Kommunikation" heißt der Zentralbegriff im uvre von Jürgen Habermas. Über alle Entwicklungen, Veränderungen, zuweilen Brüche in der über 50-jährigen Geschichte seines Werks hat er an der Idee einer "universalen Verständigung" festgehalten. Und zumindest für sich selbst hat er dieses Ideal erreicht. Heute kennt man Habermas in China und bei der SPD, achtet und schätzt ihn in Paris, deren "postmoderne" Meisterdenker er seinerzeit mit Verve bekämpfte, ebenso wie auf dem Campus von Harvard, zu dessen "analytischer" Sprachphilosophie er das europäische Gegenmodell entwickelte.

<P>Die Gemütlichkeit der Nachkriegszeit gestört</P><P>Jürgen Habermas, der heute vor 75 Jahren in Düsseldorf geboren wurde und in Starnberg lebt, ist ebenso ein Gesprächspartner für den erzkonservativen römischen Kardinal Ratzinger wie für die Bürgerrechtler Osteuropas, für deren Freiheit er schon eintrat, als die Staatsmänner des Westens noch mit Honecker und dessen Genossen auf dem roten Teppich lächelten. Nur logisch, dass so einer 2001 auch noch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam.<BR><BR>Dem Streit ist er nie ausgewichen, Verständigung und Konsens kann es für ihn überhaupt nur geben, wo auch gestritten wird. Die Art, wie man streitet, ist aber entscheidend. Es begann mit einem Paukenschlag: Vor über 50 Jahren, im Sommer 1953, rezensierte der damals junge unbekannte Doktorand den neuen Vorlesungsband von Martin Heidegger, der gerade die Vorwürfe wegen seiner NS-Verstrickungen abgeschüttelt und es sich wohlig in der jungen Republik eingerichtet hatte. Verbindlich im Ton, scharfsinnig in der Sache störte Habermas diese Gemütlichkeit, und das so nachhaltig, dass man weder ihn noch seine Argumente vergessen konnte.<BR><BR>In der Weise, in der Habermas die Frage nach der Verantwortung des Denkens aufwarf und auf die direkt zurückliegende Vergangenheit anwandte, machte er sich zum Sprecher jener jungen Generation von Nachkriegsakademikern, die sich mit falscher Versöhnung nicht abfinden wollten. Hier zeigten sich erste Konturen des philosophisch-politischen Profils, das sein Werk prägte und über das er in Bezug auf andere, weltanschauliche Freunde wie Feinde, in vielen seiner Bücher schrieb.<BR><BR>Studiert hat Habermas zunächst beim durchaus traditionsverwurzelten Hans-Georg Gadamer, der ihm noch vor fünf Jahren, zum 70. Geburtstag, als 99-Jähriger eine rührende Geburtstagsrede hielt. Die eher bürgerlich-konservative Ausbildung in Göttingen und Bonn, die Habermas' Herkunft entsprach, wurde durch die Jahre in Frankfurt am Main ergänzt. Hier arbeitete er als Assistent bei den zurückgekehrten Emigranten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Seitdem gilt Habermas manchen als "Linker" und als "Marxist", was beides wohl nie ganz stimmte. Zweifellos waren ihm Kant und Hegel immer wichtiger als Marx.<BR><BR>Seitdem entstanden über 30 Bücher. "Strukturwandel der Öffentlichkeit", "Erkenntnis und Interesse", "Die neue Unübersichtlichkeit", "Die nachholende Revolution": Sie alle bedeuten geistige und politisch-kulturelle Ereignisse in der bundesrepublikanischen Geschichte.<BR><BR>Will man Habermas' Denken charakterisieren, sind drei Punkte wichtig: einerseits die Kritik irrationaler und ideologischer Strömungen der Ideengeschichte, das unbedingte Festhalten an der Vernunft (etwa im Buch "Der philosophische Diskurs der Moderne"). Daneben die Versöhnung der Vernunftphilosophie mit neuen Herausforderungen durch Soziologie, Psychologie sowie die Sprachkritik der Moderne von Hofmannsthal und Wittgenstein bis zur analytischen Philosophie. Dies unternimmt Habermas in der "Theorie des kommunikativen Handelns", die als sein Hauptwerk gilt. Schließlich die Überführung dieser Theorie in Ethik, Recht und Politik, wie er sie in "Faktizität und Geltung" unternahm.<BR><BR>In dieser Praxis ist Habermas' Credo die Verwestlichung, was sowohl Kritik am neuen Nationalismus und an deutschen Sonderwegen wie die linken Flirts mit dem Staatssozialismus meint. Gegenüber Amerika bedeutet dies ein zwiespältiges Verhältnis, voller Dankbarkeit gegenüber Demokratie, Freiheit und liberaler Kultur, voller Kritik am Verrat der westlichen Ideale Menschenrechte und Demokratie, wie Habermas sie in den letzten Jahren wieder verstärkt bemerkt. "Der gespaltene Westen" heißt sein jüngstes Buch. Und wer je etwas von Habermas gelesen hat, weiß, dass er über diesen Befund nicht glücklich ist. Zugleich weiß gerade Habermas, dass Kommunikation und Aufklärung ihrem Wesen nach nie abgeschlossen, im besten Sinne also unendlich sind.</P><P>Jürgen Habermas: "Der gespaltene Westen. Kleine politische Schriften X."<BR> Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 194 Seiten; 10 Euro.</P><P>Rolf Wiggershaus: "Jürgen Habermas". <BR>Rowohlt Verlag, Reinbek, 157 Seiten; 8,50 Euro.</P>

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