Verständnis für den anderen haben

- Die amerikanische Autorin Susan Sontag hat in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Sie gilt nicht nur als hervorragende Kennerin der deutschen Literatur, sondern auch als "europäischste Intellektuelle" in den USA. Neben ihren Romanen ist sie vor allem durch kultur- und zeitkritische Bücher bekannt geworden.

<P>Die erbitterte Gegnerin der US-Politik kritisierte in ihrer Rede das "imperiale Programm" von Präsident George W. Bush und das Fehlen des US-Botschafters beim Festakt in der Paulskirche. In ihrem weitgehend philosophisch angelegten Vortrag warb sie jedoch für mehr Verständnis zwischen den USA und Europa. Aufgabe der Literatur sei es, "etwas gegen die Klischees vom Getrennt- und Verschiedensein zu tun". Die 70-jährige New Yorkerin betonte, dass sie in erster Linie auch nicht eine Kritikerin der US-Regierung sei. "Ich bin eine Geschichtenerzählerin." Am Tag vor der Verleihung hatte Sontag auf der Buchmesse erklärt, die US-Regierung sei von der "extremen Rechten" übernommen worden. Bush habe mit dem seit dem Zweiten Weltkrieg geltenden Grundsatz einer multilateralen Außenpolitik gebrochen.</P><P>"Ich bin eine<BR>Geschichtenerzählerin."<BR>Susan Sontag</P><P>Sontag erinnerte daran, dass es seit Gründung der Vereinigten Staaten als "neo-europäisches Land" stets einen unterschwelligen Gegensatz zum "alten" Europa gegeben habe. "Es ist kein Zufall, dass der energische amerikanische Verteidigungsminister  einen  Keil  zwischen  die Länder Europas zu treiben versuchte, indem er auf unvergessliche Art zwischen dem ,alten (schlechten) und dem ,neuen (guten) Europa unterschied", erklärte die Schriftstellerin. Sie zeigte dafür keinerlei Verständnis. Man könne einem Land wie Deutschland, das so viel Schrecken über die Welt gebracht habe, jetzt nicht vorwerfen, pazifistisch zu sein. "Die Amerikaner haben sich daran gewöhnt, die Welt als eine Welt von Feinden wahrzunehmen." Das begünstige die "imperialistischen Tendenzen" der aktuellen US-Politik. </P><P>Angesichts der tief greifenden Unterschiede zwischen den USA und Europa seien die Gegensätze nicht so schnell zu lösen. "Und doch kann man diejenigen nur verurteilen, die diese Unterschiede noch vergrößern wollen, während wir doch tatsächlich so viel gemeinsam haben." Die Vorherrschaft Amerikas sei zwar eine Tatsache. "Aber Amerika, wie inzwischen auch seine derzeitige Regierung einzusehen beginnt, kann nicht alles alleine machen."</P><P>In seiner Laudatio bezeichnete der Berliner Theatermacher und Kritiker Ivan Nagel Susan Sontag als "ein Vorbild heute für Denkende, Intellektuelle". Als Amerikanerin hasse und fürchte sie die "hysterischen Kriegslügen der Regierungen" und als Europäerin die träge Entpolitisierung der Völker und den Ideen- und Mitgefühlsverlust ihrer Eliten. tm <BR><BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Hamlet ist Richter und Henker“
München - Gleich zum Auftakt des Jahres lassen es die Münchner Theater krachen. Wenige Tage nach „Macbeth“ am Residenztheater folgt in den Kammerspielen ein weiterer …
„Hamlet ist Richter und Henker“
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht

Kommentare