Verstört und betört

- Sie hätten soetwas wie eine Familie sein können. Dreimal. Vater, Mutter, Kind. In Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Doch in ihren Welten sind sie Ruhelose. Sie scheinen einen Auftrag zu haben, die Suche nach etwas, das ein großer amerikanischer Dichter einmal tief in ihren Köpfen verankert hat: Natur, Schönheit, Ursprung. "Was ist ein Mensch überhaupt? Was bin ich? Und was bist du?" - so Walt Whitman.

Es ist ein großartiger Roman, überwältigend melancholisch, genial ersponnen, fesselnd anders. Michael Cunningham erzählt von zwei Legenden: einer Stadt und einem Denker. Die Stadt ist das New York der frühen Industrialisierung, das New York von heute, das New York in ferner Zukunft; der Denker heißt immer Whitman, seine Gedanken sind zeitlos. Wie schon Cunninghams preisgekrönter Roman "Die Stunden" umfasst auch "Helle Tage" drei Epochen, die aufeinander folgen und auf merkwürdig subtile Weise miteinander verbunden sind. Nun jedoch liegen diese so weit auseinander, dass ein einziges Menschenleben sie nicht umspannen könnte. Ihre Transfusionen kommen entweder übersinnlich oder zufällig zustande; sie verleihen dem Buch etwas Geisterhaftes und gleichzeitig Tragisches, das den Leser erst verstört und dann betört.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Der dreizehnjährige Lucas arbeitet in einer Firma an einer rätselhaften Maschine. Er ersetzt seinen älteren Bruder Simon, der hier unter den Rädern der Presse zermalmt worden ist. Er hört die Maschine eine Warnung wispern: Er muss seine Eltern und vor allem Catherine, Simons Verlobte, vor der neuen Macht der Industrialisierung retten. Auch Walt, dessen Lyrik Lucas in- und auswendig kennt, sodass sie ihm oft unwillkürlich aus dem Mund sprudelt, hätte das gewollt.

Großartige Zeitreise

Es folgt die Zeit des "Kinderkreuzzugs". Der 11. September 2001 ist ein paar Mal verjährt, da versetzen neue Glaubensanschläge die New Yorker in Schrecken. Die Polizistin Cat sieht sich mit einem Jungen konfrontiert, dem eine Sprengladung am Körper klebt. Er entstammt "der Familie", einer Kindersekte, deren Schule die Verse eines Dichters sind: "Whitman war der letzte große Mann, der die Welt wirklich und wahrhaftig geliebt hat." Nach der "Kernschmelze", die Stadt spielt futuristisches Theater. Simon, als "Simulo" eine biomechanische Menschenkopie, ist Teil einer Touristenattraktion im "Alten New York", bei der Akteure in historischen Kostümen die Vergangenheit (unsere Gegenwart) mimen. Doch Simons rare Spezies ist in Gefahr; gemeinsam mit Katarin, einer Echsenfrau, flieht er zu seinem Schöpfer, der ihm die Poesie Walt Whitmans einprogrammierte, um ihn kontrollierbarer zu machen.

Die Bedrohlichkeit, die tötende Macht und schließlich die Menschwerdung der Maschine - in drei auf den ersten Blick vollkommen verschiedenen Teilen knüpft Michael Cunningham einen kunstvollen halbhistorischen Illusionsfaden, der seinen Leser mit einer bedrängenden Eigenlogik fasziniert. Die Verbindungsglieder - der Dichter und seine Stadt ("das überzeugendste Bühnenbild, das je erdacht wurde"), das Kind Lucas/ Luke, die Frau Catherine/ Cat/ Katarin und der Mann Simon, verletzte Hände und eine Schale - spuken immer wieder unverhofft in vagen Grenzgänger-Welten.

Hass, Liebe, Einsamkeit, Angst und Tod - der zeitreisende Schriftsteller bringt in der Dreifaltigkeit seiner verlorenen Figuren große Themen zur Sprache. Zu einer oft eigenwillig konstruierten Sprache, die Worte, rar und schön wie Edelsteine, findet, schleift und einsetzt. In der bis in den kleinsten Nebensatz hinein Poesie herrscht. Eine Herausforderung für den Übersetzer, doch Georg Schmidt meistert sie. Er spürt in der deutschen Sprache anmutige Raritäten auf, welche die drei visionären Elegien Cunninghams in ihrer Außergewöhnlichkeit unterstreichen.

Michael Cunningham: "Helle Tage". Aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt. Luchterhand Verlag, München, 384 Seiten; 21,95 Euro.

Der Autor liest heute um 20 Uhr im Literaturhaus München; 089/ 29 19 34 27.

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