Vor dem Verstummen

- Musik ohne jede Hoffnung? Wohl doch nicht. Kein künstlerischer Akt scheint möglich ohne die Spur von Überzeugung, das Geschaffene werde etwas wie auch immer Positives bewirken. Dennoch sind einige Komponisten dem Punkt erschreckend nahe gekommen, an dem Hoffnungslosigkeit umschlagen müsste ins Verstummen. Dmitri Schostakowitsch gehört zu ihnen. Und wenn Gidon Kremer im Konzert der Münchner Philharmoniker in Schostakowitschs zweitem Violinkonzert zu nicht enden wollender Kantilene ansetzt, wird schnell klar: Hier geht es nicht mehr darum, sarkastisch aufzubegehren, sondern Resignation künstlerisch gültig auszudrücken (Gasteig).

<P>Kremers Geigenton bleibt fahl zurückgenommen, ohne dadurch an Tragfähigkeit zu verlieren. Wenn er Vibrato spielt, beginnt die Musik innerlich zu zittern _ ein Monolog, der gar nicht mehr damit zu rechnen scheint, dass jemand zuhört. Lediglich in den Zuckungen der Kadenz im letzten Satz bricht die Verzweiflung für einen Moment nach außen durch. Die Philharmoniker folgten unter der Leitung von Mario Venzago Kremers bewegender Interpretation mit äußerstem Einfühlungsvermögen; von geheimnisvoller Spannung erfüllt etwa die Zwiesprache von Violine, Horn und Piccolo-Flöte im ersten Satz oder die Klage der Geige und der Tutti-Streicher im Adagio.</P><P>Wohl als Hauptwerk gedacht, aber von Schostakowitsch entthront: Karol Szymanowskis dritte Symphonie "Das Lied der Nacht". Ob Szymanowski nicht doch einem Missverständnis aufsaß, als er einen Text des islamischen Sufi-Mystikers Dschelaladdin Rumi zu Kantaten-Grandiosität aufplusterte? Rumis Lyrik jedenfalls zielt auf Gottesbegegnung in der tiefsten Stille des Seelen-Inneren. Gleichwohl: Die differenzierte Interpretation der durch den Philharmonischen Chor und den Tenor Robert Künzli verstärkten Künstler brachte Szymanowskis schillernde Partitur zu eindrücklichem Leuchten.<BR><BR><BR></P>

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