Versuch einer Fischsuppe

- "Lars mit guten Wünschen - Willy Brandt". Das war die Widmung, die der Vater in ein Buch schrieb, das er seinem Sohn schenkte. Nun hat Lars Brandt (55), der jüngste Sohn der SPD- und Kanzler-Legende Willy Brandt, selbst ein Buch verfasst, das er, 13 Jahre nach dessen Tod, seinem Vater widmet.

"Andenken" will keine Biografie sein, will nicht den Politiker und öffentlichen Menschen würdigen oder die historische Einordnung des Friedensnobelpreisträgers neu definieren. Lars Brandt hat ein ganz persönliches Buch vorgelegt, eine Art Rechenschaftsbericht über das intime und zugleich so distanzierte Verhältnis von Vater und Sohn: "Für mich war V. (so unterschrieb der Kanzler Mitteilungen an seine Kinder, Anm. d.Red.) weder Freund noch Feind. Er war Natur. Wenn ich an ihn denke, kommt mir anderes in den Sinn als jenen, die ihn zum Gegenstand ihrer mehr oder minder an der Wahrheit orientierten Recherchen und Erinnerungen machen."

Dieses Bekenntnis macht das Buch so liebens- und lesenswert. Es versammelt wie zufällig zusammengetragene Erinnerungsfetzen. Die Kindheit als Sohn des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin, die Ferienmonate in Norwegen, das Leben in der Bonner Kanzlervilla mit ihrer Extrawohnung für den Vater, die nächtlichen Treffs in der Küche, der gemeinsame Kinobesuch, die stille Übereinkunft beim Angeln. Bei allem betont der Autor die Subjektivität seines Blicks. In der Summe aber ergeben diese Momentaufnahmen der privaten Erinnerung ein objektives Bild Willy Brandts.

Als Leser schwankt man zwischen Sympathie, Erstaunen und Abgestoßensein. Wie knapp auch immer Lars Brandt seine Texte formuliert, sind sie doch durchgehend von spürbarer Liebe, von Verständnis und Respekt vor dem großen Alten geprägt. Auch dann, wenn der Sohn mit kritischer Verwunderung die Fremdheit und Sprachlosigkeit des Vaters innerhalb der eigenen Familie konstatiert. So zitiert Lars Brandt Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein, der in einer öffentlichen Diskussion auf die Frage, ob er ein Freund Willy Brandts sei, antwortete: Mit einem Mann, der niemals die Kinderzimmer seiner Söhne aufsuchte, könne er sich nicht vorstellen, befreundet zu sein.

Ein letzter, eisiger Blick

Ein Phänomen dieses Buches: Je offener, freimütiger Lars Brandt über den Vater schreibt, umso mehr verdichtet sich die geheimnisvolle Aura, die seine Person bis heute umgibt. Lars Brandt kann auch nicht erklären, warum sich Willy Brandt nie wirklich für andere Menschen interessierte; warum er nach außerehelichen Affären sich bei seiner Frau Rut schriftlich und formell entschuldigte - auf amtlichem Papier mit Briefkopf "Der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland"; oder warum ihn, Lars, bei seinem letzten Wiedersehen mit dem todkranken Vater zum Abschluss ein eisiger Blick streifte.

"Hätte man diesen Menschen von seinen Widersprüchen befreien wollen, wäre wenig von ihm übriggeblieben", schreibt er. Und so gerät ihm das Lebensmosaik seines Vaters zu einer wunderbaren Hommage an diesen schwer zu erklärenden Charakter. Ein Mosaik, wie es so wohl allein Lars Brandt zusammensetzen konnte. Um das zu betonen, bleiben in diesem Buch Mutter und Bruder weitgehend unerwähnt. Dafür einige Schlaglichter auf Staats- und andere Besuche, die in ihrer Absurdität extrem komisch sind. Etwa des Ehepaares Wehner im norwegischen Ferienhaus, wo sich das erste und wohl letzte Mal Brandt im Kochen einer Fischsuppe versuchte. Oder des rumänischen Diktators Ceausescu, dessen dämlicher Sohn dem Sohn des Kanzlers zurief: "Zwölf Bären habe ich letzte Saison erlegt. Und Sie?"

Lars Brandts "Andenken" lässt einen neu nachdenken über Willy Brandt. War sein Privatleben so katastrophal, weil er ein so bedeutender Politiker wurde? Oder trieb ihn, umgekehrt, seine Bindungsunfähigkeit im Privaten in den politischen Erfolg? Die Dialektik von Größe und Scheitern - Lars Brandt führt sie uns auf zutiefst anrührende Weise vor Augen. Erklären kann auch er sie nicht.

Lars Brandt: "Andenken". Carl Hanser Verlag, München, 156 Seiten; 15, 90 Euro. Das Buch liegt ab sofort in den Buchhandlungen vor. Der Autor liest am 15. Februar im Münchner Literaturhaus.

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