Den Versuch wagen

- "Ob ich die ganze Zeit überhaupt auf die Bühne schauen werde - oder mich nicht umdrehe, um zu sehen, wie die Leute reagieren?" Der 23-jährige Christopher Kloeble ist nicht der Einzige, der gespannt einem Theaterwochenende mit zwei Unbekannten entgegenschaut: Inszenierung und Zuschauerreaktion. Er ist einer von sechs Autoren aus Deutschland, Großbritannien und Italien, die in die Münchner Kammerspiele zum "3. Wochenende der jungen Dramatiker" eingeladen sind.

Ihre Stücke kommen frisch von der Schreibhand und werden heute und morgen als szenische Skizzen präsentiert.

"Man hat die Möglichkeit, etwas auszuprobieren."

Sandra Schüddekopf

Gerahmt werden sie von Arbeitsgesprächen und Lesungen, einer abschließenden Podiumsdiskussion zum weiten Themenspektrum der Stücke über "Bürgerkriegsszenarien, Terrorängste, Familienkrisen und Sinnsuche" sowie einem kollektiven Stegreif-Drama.

Nur eine Woche lang hatten sechs ebenfalls junge Regisseure Zeit, die Texte mit Schauspielern der Kammerspiele auf die Bühne zu stellen. "Es ist wichtig, dass man den Rahmen als etwas Skizziertes begreift", meint Sandra Schüddekopf. "Ich mag diese Form, weil sie einen Autor davor schützt, dass er gleich einen ganzen Abend behaupten muss. Man hat die Möglichkeit, etwas auszuprobieren."

Schüddekopf war zuletzt Regieassistentin am Wiener Burgtheater. Für dieses Wochenende inszenierte sie Kloebles Stück "Wenn möglich, bitte wenden". Ihr gefällt die Absurdität dieses "Roadmovies", seine Vielschichtigkeit und das filmische Erzählen mit Schnitten. "Das finde ich heute eine interessantere Erzählweise, weil die auch den Zuschauer fordert."

Christopher Kloeble ist in München geboren; seit 2003 studiert er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Die Geschichte um den Sinn suchenden Reisenden Karl ist sein erster Theatertext. "Aber ich habe gemerkt", erzählt er begeistert, "dass es viel leichter ist, sich dem Theater anzunähern als beispielsweise einem Drehbuch, weil man viel mehr Freiheiten hat. Das ist das Schöne daran."

Und wie steht es um die Freiheiten der Regisseure an diesem Wochenende, das den neuen Dramen gehört? Schonen sie die Stücke? "Jeder Theaterautor plant doch diesen Transfer mit ein", verneint Schüddekopf. Das meint auch Johannes von Matuschka, seit einem Jahr Regieassistent an den Kammerspielen: "Die Freiheit des Streichens, glaube ich, muss man sich auch bei einem Zeitgenossen nehmen."

Von Matuschka führt Regie bei Simone Kuchers "silent song", einer Collage aus Reaktionen von Terroropfern. Ein heikles Thema, doch Kucher hebe es nicht auf eine politische Ebene, sondern beobachte vielmehr die persönliche Innensicht der Figuren. "Das Nachbeben", nennt es der Regisseur. "Genauso wie das Stück ein Versuch ist, den Figuren eine Sprache zu finden, ist es für uns ein Versuch, diesen Versuch zu wagen."

Dass es den Inszenierungen zugute kommt, wenn Autor und Regisseur nahezu gleichaltrig sind, glauben aber beide Seiten nicht. "Wenn man als Regisseur ein Gefühl für das Stück entwickelt hat", so Melanie Peter, "dann kann man es machen, egal, ob man 45 oder Mitte zwanzig ist". Die 33-jährige freie Autorin aus Halle, die in der Vergangenheit auch als Regisseurin und Dramaturgin Erfahrungen gesammelt hat, ist mit ihrem Monolog "Boden.Haltung" über eine ost-west-deutsche Liebe zu Gast. Sie freut sich auf ein Wochenende des fachlichen Austausches, auf die Reaktionen des Publikums und die Gespräche mit anderen Theatermachern.

Heute und morgen, jeweils 18 Uhr.

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