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Andrej Hermlin

Aus versunkener Zeit: Swing mit Andrej Hermlin

„Das wird ein teurer Konzertbesuch für Sie“, warnt Andrej Hermlin den vorwitzigen Herrn aus Reihe eins noch, aber der lässt sich nicht von der Wette abbringen.

Einen Kasten Sekt, dass Hermlin sich beim Todesdatum von Glenn Miller vertan hat. Hermlin, zwar glühender Anhänger der Dreißigerjahre, aber keineswegs von gestern, googelt umgehend in einem hochmodernen Handy zum Beweis das Datum, womit er sich und seinem Swing Dance Orchestra die Sekt-Ration für Silvester gesichert hat. Ausgerechnet mit Hermlin in Fachdebatten über Glenn Miller einzusteigen, ist wirklich mehr als leichtsinnig. Der Mann und seine Combo spielen nicht einfach nur die Musik Millers nach, sie leben sie.

Und wenn man im fast ausverkauften Münchner Herkulessaal zwischendrin die Augen schließt, ist es tatsächlich so, als würde man eine Originalaufnahme hören. Da geht es nicht nur ums perfekte Handwerk und präzise restaurierte Arrangements, sondern auch um das bemerkenswerte Kunststück, diesen warmen, leicht gedämpften Klang wiederzubeleben. Und das kann niemand besser als Hermlin, der freundlich distinguiert durch den Abend führt, ohne in karnevaleske Mätzchen zu verfallen. Er trägt den altmodischen Anzug ja nicht, um sich zu verkleiden, sondern aus echter Hingabe für die Lebensart und Musik der Swing-Ära. So funktioniert an diesem Winterabend die Illusion, und man ist für viel zu kurze zwei Stunden in einer anderen, längst versunkenen Zeit.

Gemessen daran, wie hochprofessionell und akkurat die 15 Musiker und sechs Sänger arbeiten, ist es beachtlich, wie viel gute Laune und lässigen Charme sie gleichzeitig versprühen. Sie haben mindestens so viel Spaß wie das Publikum, und das alleine wäre schon die Tickets wert. Nur riskante Wetten sollte man sich eben verkneifen.

Zoran Gojic

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