Vertrauen zwischen den Kulturen

- Hans-Georg Knopp, 1945 in Bernburg geboren, ist seit 1. August Generalsekretär des Goethe-Instituts, also von 144 Häusern in 80 Ländern. Heute wird er im Münchner Goethe-Forum an der Dachauer Straße offiziell in sein neues Amt eingeführt. Obwohl der promovierte Indologe zuletzt der Chef des Berliner Hauses der Kulturen der Welt war, kennt er "Goethe" in- und auswendig. Nach dem Studium begann er Mitte der 70er-Jahre bei dem Institut. Er war unter anderem in Bombay, Colombo und Singapur, aber auch in Chicago. Außerdem arbeitete er von 1986 bis 1991 in der Zentrale. Nun beerbt er Andreas Schlüter, der aus persönlichen Gründen ausschied.

In der Ankündigung Ihrer Amtsübernahme heißt es, dass Sie das Institut "qualifiziert leiten und weiter entwickeln" werden. Was sind die Ziele?

Knopp: Zunächst habe ich begonnen, die Kollegen kennen zu lernen. Die Arbeit, die alle leisten, ist beispielhaft. Das hat mich damals wie heute dazu bewogen, zum Goethe-Institut zu gehen. Unser kulturelles Umfeld hat sich in den letzten 15 Jahren sehr gewandelt. Aus Asien, Afrika und Lateinamerika kommen auf uns ganz andere Fragen zu. Dort ist vieles entstanden, Biennalen, Museen, Galerien et cetera. Dieses Selbstbewusstsein gründet sich auf die Tradition und auf junge Künstler, die im Westen gelernt haben. Wir müssen da neue Antworten finden. Das Goethe-Institut muss den anderen nicht nur einbeziehen, sondern als Partner behandeln. Dann wächst auch das Interesse an uns.

Kulturen sind nicht mehr abgeschlossen, sie haben Netzwerke geschaffen. Das Goethe-Institut hat schon immer Regionen bedient, das soll verstärkt werden. Hinzukommen zwei andere Dinge: In Zeiten der knappen öffentlichen Mittel stehen wir vor der Anforderung, dass wir deren Einsatz transparent begründen. Und wir müssen die schweren Strukturen in flexible umwandeln. Das Institut hat das schon in die Wege geleitet. Das alles muss den Inhalten dienen, die sind unsere eigentliche Aufgabe.

Durch Ihren Werdegang kennen Sie viele Teile Asiens und den Westen, auch die USA, genauer als so mancher Besserwisser. Warum tun wir uns mit dem Verstehen und Akzeptieren des jeweils anderen so schwer?

Knopp: Paul Ricur sagt sinngemäß: Wir sind noch nie einer anderen Kultur begegnet, es sei denn, wir hätten sie besiegt. Mit diesem Erbe müssen wir umgehen. Wir werden uns verändern. Die USA werden bald ganz anders aussehen durch die Bürger, die aus Lateinamerika und Asien kommen. Aus unserer Geschichte entspringt unsere Vorstellung von Nation, aber diese Identität führte oft zu Kriegen. Wir Europäer sind darüber hinausgekommen. Das Goethe-Institut muss gerade auch die europäische Identität unterstützen. Seine Stimme soll als relevant anerkannt werden für unsere Standortbestimmung. Wir müssen alle lernen, mit kulturellen Differenzen umzugehen. Ich meine damit nicht, dass man schwierige Punkte umgeht. Gerade bei ihnen muss man ansetzen.

Kunst und Kultur wird bei Lippenbekenntnissen hochgelobt, insgeheim aber belächelt. Selbst Künstler glauben, dass sie nichts verändern können. Wo finden Sie selbst noch den Mut, Ihre Arbeit doch weiter zu machen?

Knopp: Kultur ist nicht das schöne Sahnehäubchen. Kultur, das sind wir selbst. Die Künste sind ein Kommentar zu unserem Leben. Dieser Kommentar ist wichtig für unsere eigene Bestimmung. Auf die Kreativität der Künste können wir nicht mehr verzichten. Denn woanders fehlen uns die Laboratorien, um etwas auszuprobieren. Ich komme aus einer Stadt (Berlin), wenn Sie da die Kultur wegnähmen, würde nichts mehr übrig bleiben.

Im Hinblick auf den 11. September 2001 haben Sie von zwei "Modellen" gesprochen, wie die Beziehung der Kulturen zueinander gesehen werden: "nachbarschaftliche Begegnung" oder "unausweichlicher Konflikt". Nun gab es neue Terroranschläge . . .

Knopp: Es gibt nur noch eine Sache, die uns verbindet, das ist die Kultur. Im Haus der Kulturen der Welt habe ich erlebt, dass überall Kunst-Szenen entstanden sind, die verdienen, dass wir mit ihnen zusammenarbeiten. Es gibt ein enges Netz von Konflikten, von Schuld. Dazu gehört auch Deutschland. Aber ich glaube, es gibt gar kein anderes Modell als das "nachbarschaftliche", das andere will doch keiner. Kulturarbeit muss langfristig Vertrauen aufbauen. Ich weiß, es gibt leicht Rückschläge, sie ist leicht zu zerstören, aber ich möchte keinen anderen Weg beschreiten.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare