Vertrautes Weltbild

- Nun war er wieder einmal da. In seinem geliebten Circus Krone. Und man merkt rasch während des Konzerts, dass sich zwar der Name der Tournee (in diesem Fall "Am Flussufer") geändert hat. Weckers Haare wurden mit den Jahren grauer und kürzer. Auch ein, zwei, drei Lieder sind neu. Ansonsten nichts.

<P>Sprachgewalt und Seelen-Striptease<BR><BR>Das stört aber im Publikum niemanden. Die Leute lieben den vom bekennenden Kokswrack zum ebenso bekennenden Familienvater gewandelten Barden genau so, wie er ist. Lieben die Tatsache, dass hier einer singt mit dem leidenden Gesichtsausdruck eines Gewichthebers und dabei in die Tasten haut, als gehe es um sein Leben. <BR><BR>Lieben die Sprachgewalt und die mal bluesigen, mal jazzigen und überwiegend balladenhaften Melodien. Lieben dieses scheinbar neue, doch eigentlich so vertraute, ruhige Programm auf Anhieb. Lachen begeistert mit ihrem Star und wohlwollend über ihn, der gerne mal kurz, aber nie länger als einen Hauch lang so was wie Selbstironie aufscheinen lässt.<BR><BR>Wecker hat schließlich was zu sagen zu den ernsten Themen der Zeit. Doch was er zu sagen hat, ist in den letzten Jahrzehnten wenig spürbarem Wandel unterworfen: Eine Menge Lieder hat er gemacht. Einige sind so leicht und klug und tieftraurig wie Gedichte von Kästner oder Ringelnatz, beispielsweise sein auf dem soeben erschienenen Album veröffentlichtes "Das ganze schrecklich schöne Leben". Manche sind mittelmäßig ergreifend und intelligent _ das sind dann immer die größten Erfolge geworden, vom "Willi" über die "Bayernpower" bis hin zu "Was für eine Nacht" oder "Sage nein".<BR><BR>Andere Kompositionen sind allerdings derart arg auf Seelenleben-Striptease gestrickt, wie es die miesesten Frauenromane nicht schlimmer sein könnten. Lieder der letzteren Kategorie überwiegen seit kurzer Zeit. Das ist schade, denn vor allem in seinen geglückten aktuellen Liebesliedern blitzt die gewaltige Leidenschaft und Lebensenergie hervor, mit der Wecker immer und garantiert jeden Zuhörer mitreißen konnte. Nicht nur jene, die ohnehin jeden Halbsatz seines seit 1968 nur geringfügig modifizierten Weltbildes ohne Zögern teilen würden.<BR></P>

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