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Vorzeitig aus der Haft entlassen, malt er nun unter eigenem Namen: Wolfgang Beltracchi.

Doppelsinniges Motto: Freiheit

Verurteilter Kunstbetrüger stellt in München aus

München - Er fälschte über Jahrzehnte Gemälde berühmter Maler. Nun stellt der verurteilte Kunstbetrüger Wolfgang Beltracchi eigene Gemälde in München aus.

Ex-Häftlinge haben es schwer. Vor allem, wenn sie auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen. Wolfgang Beltracchi ist ein Ex-Häftling, aber ein untypischer. Beruflich läuft es für den verurteilten Betrüger bestens.

Zwar müssen er und seine Frau Helene einen Riesenberg von Schulden abtragen. Über einen Mangel an Aufträgen aber kann sich Beltracchi nicht beklagen. Der Mann, der über Jahrzehnte Gemälde berühmter Maler wie Max Ernst, Max Pechstein, Johannes Molzahn oder Heinrich Campendonk fälschte, mit einer Gruppe von Helfern in den Kunstmarkt schleuste und einen geschätzten Schaden von über 30 Millionen Euro verursachte, ist ein Medienstar geworden: Es gibt zwei Bücher über ihn, außerdem einen Dokumentarfilm und eine TV-Reihe.

Seine mittlerweile eigenen Bilder sind äußerst gefragt. Einige davon stellt er nun im Art Room 9 in München aus.

Dass er überhaupt ausstellt, ist schon ein Affront. Der Bundesverband deutscher Galerien hat Beltracchi die Verbrechen am Kunstmarkt nicht verziehen. Häuser, die Werke des Malers präsentieren, könnten laut Satzung wegen verbandswidrigen Verhaltens ausgeschlossen werden.

Curtis Briggs, Betreiber des Art Room 9, ist kein Mitglied im Bundesverband und kann daher machen, was er will. „Wer in einem Rechtsstaat seine verhängte Strafe verbüßt hat, hat das Recht neu anzufangen“, sagt er.

Nun muss er sich nicht mehr streng an die von ihm gefälschten Meister halten

Sinnigerweise steht die Beltracchi-Verkaufsschau mit ihren über 20 Bildern unter dem doppelsinnigen Motto „Freiheit“. Zum einen wurde der Maler, der die Haft großenteils im offenen Vollzug bestritt, im Januar 2015 nach vier Jahren vorzeitig entlassen.

Zum anderen kann er nun endlich eigene Bilder malen und muss sich nicht mehr streng an die Formensprache der von ihm gefälschten Meister halten. Letztere Freiheit mutet allerdings verlogen an. Schließlich hat niemand Beltracchi dazu gezwungen, unechte Fernand Légers oder Heinrich Campendonks zu produzieren und für Unsummen zu verscherbeln.

„Ein Bild besteht aus Zeit und Bewegung“, sagt Wolfgang Beltracchi. Als er noch als Fälscher unterwegs war, musste er beide Faktoren mit wissenschaftlicher Akribie behandeln und seine Gemälde so gestalten, dass beides authentisch im Sinne des vermeintlichen Urhebers wirkte.

Galerist Curtis Briggs vergleicht den 64-Jährigen mit einem Method-Schauspieler. Ebenso wie sich dieser tief in die Rolle seiner Figur hineinarbeiten müsse, habe Beltracchi die Seele der Maler erkundet, um in ihrem Namen neue – gefälschte – Werke zu schaffen.

Dass Beltracchi ein großer Handwerker ist und von einer künstlerischen Wandelbarkeit, die es ihm erlaubt, die Formensprache anderer eins zu eins nachzuvollziehen, dokumentiert nun auch die Ausstellung in München. Sie ist postmodern und schöpferisch zugleich. Wolfgang Beltracchi zitiert. Er zitiert Maler, darunter viele, die er einst fälschte. Und er zitiert sich selbst, indem er seine neuen Gemälde an seine früheren Bilder, die er ja als Werke anderer ausgab, anlehnt.

Heinrich Campendonk, Max Ernst und Fernand Léger begegnen dem Betrachter wieder. Daneben Mitglieder der Fauves wie Maurice de Vlaminck, Othon Friesz oder Raoul Dufy. Ein Werk ist im Stil der Malerin Tamara de Lempicka angelegt. Außerdem finden sich Anspielungen auf die intim-ätherischen Frauendarstellungen eines Edgar Degas sowie auf Albrecht Dürers Kupferstich von den „Vier Hexen“.

Beltracchis eigene Handschrift wirkt erschreckend normal

Doch es ist nicht das reine Zitat, das die Bilder prägt. Vielmehr fügt Beltracchi die Formensprache und Thematik verschiedener Künstler oft auf einer einzigen Leinwand zusammen. Gauguins Erotomanien über die Südseefrauen verschwimmen mit den sich überlagernden Formen aus Francis Picabias Transparenz-Phase, die ähnlich weich und rund, jedoch entfremdeter, distanzierter, wissender sind.

Im Bild „Tanz auf der Treppe“ wiederum trifft Légers dynamischer Kubismus auf Figuren aus Oskar Schlemmers triadischem Ballett. Das alles ist fein anzusehen und enthüllt auch manche Parallele zwischen den Künstlern. In all diesem Formen- und Farbenspektakel allerdings wirkt Beltracchis eigene Handschrift, die er unter anderem in einem Aktbild seiner Tochter andeutet, erschreckend normal.

Auch wenn er gerne behauptet, er hätte es auch als eigenständiger Künstler schaffen können, habe aber die Fälscherei spannender gefunden, wird man das Gefühl nicht los, dass er nie eine herausragend eigene Sprache entwickeln konnte.

Sorgen um Beltracchi muss man sich deswegen nicht machen. Die Nachfrage sei riesig, sagt Curtis Briggs. Die Bilder sind mit Preisen zwischen 14.000 und 78.000 Euro ausgezeichnet. Außerdem stehen die Kunden bei Beltracchi Schlange, um von sich ein Porträt im Stil irgendeines großen Malers anfertigen zu lassen.

Gloria von Thurn und Taxis, Harald Schmidt und Christoph Waltz saßen bereits in der 3sat-Sendung „Der Meisterfälscher“ Modell. Die Wartezeit auf ein solches Porträt beträgt unter Normalos mittlerweile ein halbes Jahr. Zudem malt der Meister nur Leute, die ihm sympathisch sind. Von solchen Höhenflügen können andere Ex-Häftlinge nur träumen.

Bis 23. Oktober, Hesseloherstraße 9;Telefon 089/ 80 04 63 68.

Katrin Hildebrand

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