Von der Verwandlung des Glücks

Heute erscheint der neue Roman des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk: "Das Museum der Unschuld", eine türkische Liebesgeschichte.

"Ist nicht eigentliches Ziel von Roman und Museum, unsere Erinnerungen so aufrichtig wie möglich zu erzählen und dadurch unser Glück in das Glück anderer zu verwandeln?" Diese Frage stellt und beantwortet Orhan Pamuk durch seinen neuen Roman "Das Museum der Unschuld", der heute in der Türkei und in Deutschland gleichzeitig erscheint und in dessen Herz Glück und Unglück in gleichsam aufrichtigen Erinnerungen nebeneinander schlagen.

Doch warum Roman und Museum? Versucht sich der Nobelpreisträger nun als literarischer Kurator? In der Tat - und das ist das Unvergleichliche an seinem neuen Werk: Es führt die steten Ansätze seines Autors, Deskription und Bild, wahre Fantasie und wahrhafte Realität zu verquicken, zu einer erstaunlichen Perfektion. Indem es sich als korpulenter Museumskatalog zu Hunderten von Exponaten liest. Doch niemals während der Lektüre kann man sich wirklich sicher sein, was zuerst da war: das Museum, der Roman oder das Glück.

Pamuks Ausgangspunkt ist eine zarte Liebesgeschichte der 70er und 80er Jahre, die sich auf geradem Weg zu einer Obsession entwickelt und gen Ende zu einem fast tragisch resignierten Trugschluss findet. Der Ich-Erzähler Kemal, ein Mann aus der Istanbuler Oberschicht, steht zwischen zwei Frauen: Die eine ist seine Verlobte Sibel, wohlhabend, weltgewandt und wunderschön. Die andere ist seine junge Geliebte Füsun, eine entfernte Verwandte aus dem Mittelstand. Auch sie ist von den Freiheiten des modernen Europa angesteckt und angestachelt - und noch schöner als Sibel. Doch die Liberalität beider kennt eine konventionelle Grenze: die Liebe zu Kemal, für die sie nichts Geringeres als ihre Jungfräulichkeit einsetzen.

Die Unschuld: Sie ist nicht von ungefähr der titelgebende Brennpunkt des Romans. Die beiden Protagonistinnen stehen zwischen der suggerierten sexuellen Unabhängigkeit Europas und der gelebten sexuellen Unfreiheit der Türkei. Sibel kann sich mit diesem Zwiespalt arrangieren, Füsun muss daran zerbrechen.

Kemal aber folgt allein sich selbst, zuerst noch in Bequemlichkeit, später in zwanghaftem Verlangen. Als er die Frau, die er begehrt, nicht haben kann, verfällt er in eine "heimliche namenlose Krankheit": Er beginnt, manisch alle Dinge, die er mit Füsun verbindet, zu sammeln und macht diese zu befriedigenden Stellvertretern. "Dass ich - schmerzlich an Füsun denkend - bei jenen Gegenständen Trost suchte, empfand ich zwar als erniedrigend", gesteht der fingierte Museumsführer, "aber es öffnete mir auch das Tor zu einer anderen Welt, in die ich weiter eindringen wollte".

Das tut er, lässt heimlich Porzellanhunde und Picknickgläser, Baumwolltaschentücher und 4213 Zigarettenkippen, ja: Schweigsamkeiten und andere Gefühle mitgehen, um diese später in einem "Museum der Unschuld" in Füsuns Elternhaus wieder zu vereinen.

Pamuk führt an diesen Objekten entlang durch eine außerordentlich erzählte Liebesgeschichte, die sich zweifellos (auf kaum weniger als 600 Seiten!) um ausnahmslose Aufrichtigkeit bemüht: in großartigen Expertisen von Liebesleid und Liebesfreud, auf der Suche nach der unmöglichen eindeutigen Schuldzuweisung.

"Gibt es keine Liebe zwischen arm und reich?", fragt Kemal einmal in einem anklagenden Ton, der objektiv der Gesellschaft, im Grunde aber nur ihm selber gilt. Seine Freunde finden eine entwaffnende Antwort: Er handle nur aus einem Komplex heraus, weil er als Reicher in einem armen Land lebe. Dies arme Land im Ausnahmezustand macht Pamuk in subtilen und dadurch umso deutlicheren Nebensätzen zur erschreckenden Begleiterscheinung einer scheinbar heilen Limonadenwelt.

In Museum, Roman und Glückssuche schafft Pamuk nicht allein das Zeitdokument einer in sich selbst verliebten und darum zum Scheitern verurteilten "freien und modernen" Liebe. "Mit meinem Museum will ich nicht nur dem türkischen Volk, sondern allen Völkern der Erde beibringen, auf ihr Leben stolz zu sein", erklärt Kemal. "Wenn die Dinge, wegen der wir uns schämen, in einem Museum ausgestellt sind, werden sie sogleich zu etwas, worauf man stolz sein kann." Eine beneidenswerte kulturelle Utopie.

Tatsächlich plant Pamuk seit sechs Jahren - der Entstehungszeit des Romans und damit auch einer Zeit der Morddrohungen und antitürkischen Vorwürfe - ein aus ähnlichen Alltagsgegenständen wie im Buch zusammengetragenes, zeitlos assoziatives "Museum der Unschuld" in Istanbul. Als Installation sollte es erstmals zur Frankfurter Buchmesse in der Schirn gezeigt werden. Wegen seiner schriftstellerischen Arbeit musste Pamuk diese Vor-Schau jedoch vorerst absagen.

Das wichtige und mit Sicherheit prägende Museums-Versprechen aber steht. Schließlich wartet die Eintrittskarte für den ersten Besuch bereits - auf Seite 553 des Romans.

Orhan Pamuk:

"Das Museum der Unschuld". Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Hanser Verlag, München, 576 Seiten; 24,90 Euro.

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