Verwirbelte Worte

- "so! jetzt reicht es nicht." Das letzte Gedicht ist ein letzter Vers ist eine letzte, einzige Zeile auf der letzten Seite des neuen Gedichtbandes, "Aller Ding", von Michael Lentz (Ingeborg-Bachmann-Preis 2001). Der Autor, bekannt geworden durch den Prosatext "Muttersterben", durcheilt als studierter Germanist, Musiker und rühriger Initiator/ Organisator ("Soundbox") Worte, Floskeln, Silben, Versfetzen, Formen und Unformen der Lyrik.

<P>"Reim und Schlamm" ist denn auch der erste Abschnitt seiner gedichteten Überlegungen zum Gedicht überschrieben. "was hört was kommt vom draußen ich" ist so ein Verwirrspiel mit der Sprache und ihren Puzzleteilen sowie des Lesers Gewohnheiten. Jenes "Das kenn' ich doch"-Gefühl greift der Autor auf und verwirbelt es so lange, bis "und aller fragen ofen" übrig bleibt.</P><P>Sehr viel Bildung und Sprachbewusstsein steckt also in Michael Lentz' Texten, die aber durch ihren subversiven Witz und ihre sozusagen lyrische Selbstironie unaufdringlich, untheoretisch, unformalistisch sind. Wenn "der tunnel zaghaft . . . übern faltplan jagt" oder "ein lachsack tränenreich" formuliert ist, dann wird die eigene Zunft der Vers-Ziselierer und Wort-Kreateure bespöttelt - von "Alle Vöglein sind schon da"-Varianten bis zum "mundvoll vollmond". Natürlich reicht das Lentz' Intellekt nicht allein. Er stellt sich auch den so genannten großen Themen wie Zeit, Sprachphilosophie, Melancholie, Tod: "und wer einmal nur das sterben sah/ . . . /das verschwinden unter laken/ . . ./die fahle braune haut das sinkende/ fenster der augen/ wer mal beifahrer war . . ." Furcht vor dem starken Gefühl spricht aus vielen Versen. Sie schützt den Dichter _ er bricht immer das Schwere - vor Sentimentalität, schwächt aber die Durchschlagsskraft der Aussage. Dem Risiko Lyrik will sich Lentz, wie es scheint, noch nicht ganz stellen.</P><P>So setzt er mehr auf seine Musikalität, auf Klang und Rhythmus. Das wird seiner morgigen Lesung zugute kommen: ob nun den Variationen zu Georg Büchners "vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so", ob der Dieter-Schnebel-Hommage, die "Belichtender. Es/ eilt. Brechendes/ Teil, Brechendes/ brechend, teil es/ brechend, leiste/ brechend Eitles" beginnt. Michael Lentz zerbricht wohl Worte und Syntax, aber eitel ist sein Tun nicht.</P><P>Michael Lentz: "Aller Ding". S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 192 Seiten, 19,90 Euro.</P><P>Der Autor liest morgen um 20 Uhr in der Münchner Lyrik-Bibliothek, Schellingstraße 3/RG. Tel.: 089/ 34 62 99.</P>

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