Verwundete Spaßgesellschaft

- Zum Auftakt ein Autounfall: 61 kleine Spielzeugwagen fahren gegen die Wand der Münchner Galerie der Künstler. Auch der Rest der Darbietungen geht nicht gerade zimperlich mit Mensch und Material um. Sekten, Sex und Familienplanung, Wohlstandsmüll und Spaßgesellschaft sowie jede Menge sozialer Umstände geraten da in eine "Stabile Seitenlage". Unter diesem Titel haben zehn ehemalige Stipendiaten des Kunstfonds die schiefen Ebenen einer gar nicht mehr geradlinigen Gesellschaft multimedial in Szene gesetzt - ohne dabei aber den Kunstkarren selbst an die Wand zu fahren. Denn alle Arbeiten, so sperrig oder aufwieglerisch sie auch sein mögen, fördern ansehnlich und plakativ Nachdenk-Bereitschaft.

Nach Stefan Demarys Autocrash, seinem obszönen Puppenpärchen und dem gemein intervenierenden, Arm werfenden Dartspieler geht Mariola Brillowska noch wesentlich rüder mit den Besuchern um: Ihre Notfall-Aufnahme der Sekte "St. Snupiekult" entwirft ein bunt leuchtendes Bild einer Gesellschaft, der grundsätzlich Plastikhunde wichtiger sind als reale Familien. Doch ganz im Sinne der Fortpflanzung werden nicht nur getrennte Lebenswelten von Kinder- und hemmungsloser Erwachsenenwelt propagiert, sondern per Trickfilm auch die degradierte Rolle der Frau zwischen Scheinschwangerschaft und seriellem Irrsinn gezeigt. Puppen, Bilder, Leuchtreklamen: Die Zukunft der Familie ist der schrille Horror.

Schriller Horror Auch Tamara Grcic widmet sich der - allerdings scheinbar heilen - Kindheit: Porträts wilder, spielerischer Momente präsentiert sie einerseits. Andrerseits packt vor allem ihr Interview mit einer Ausländerin, die in Nahaufnahme für jede Menge interkulturelles Verständnis sorgt.Garstig, aufwändig, augenfällig ist Nana Petzets Raum füllender Kommentar zur Wegwerfgesellschaft. Unter dem Sammel- und Forschen-Motto hat sie im Selbstversuch ausufernde Recyclingprojekte unternommen, ihre Wohnung mit Milchtüten und Abfallbergen gefüllt und mit einer akribischen Inventarisierung die Wissenschaft als einen Riesenberg Müll charakterisiert. Der Rest der Objekte ist stiller: Eva Maria Schön wirbt mit Fotobergen um Aufmerksamkeit und besticht durch ihre Wände voller Strukturbilder und Detailfotos. Hans Hemmert irritiert mit seinen gelben Latexballons: Sie halten die Kamera oder ein Baby, fungieren als befremdliche Membran und Skulptur zugleich. Im Video "Golgatha" konfrontiert er gezeichnete Historie mit animierten Tanzszenen und verschränkt so "blasphemisch" die Realitäten.

Alexandra Ranners Installation lässt einen Kopf singend stromabwärts vor dem Fenster ziehen. Skurriles wird hier in Guckkastenmanier dem Zuschauer und Voyeur präsentiert. Dagmar Varadys Kulturstudie "Menü Deutschland", Walter Dahns subtile Plakate sowie Dave Allens Klangspiel ergänzen die Ausstellung.  

- Bis 26. August, Katalog 19 Euro, Tel. 089/ 22 04 63. 

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