Verwunschener Ort

- Eine umfassende Retrospektive zum 100. Geburtstag von Antonio Calderara (1903-1978) kann die Staatliche Graphische Sammlung in der Münchner Pinakothek der Moderne schon aus räumlichen Gründen nicht realisieren, aber die jetzige Hommage ist sehr viel mehr als eine Verlegenheitslösung.

<P>Die Ausstellung strahlt einen enormen Reiz aus: Aquarelle und Ölbilder verwandeln den Saal in einen verwunschenen Ort. Stille und Gelassenheit umfängt den Betrachter. Hektik, ja sogar jeglicher Zeitbezug fällt von einem ab, der Lärm der Welt verschwindet hinter der Bescheidenheit zartester, blassester Farben. </P><P>Die Graphische Sammlung kann auf einen beachtlichen Bestand von Calderara-Aquarellen zurückgreifen und hat diese mit Ölbildern der Fondazione Calderara in Vacciago am Orta-See, Lebensmittelpunkt des Malers, und von Münchner Sammlern ergänzt. Schon Mitte der 60er-Jahre war der Norditaliener in München (Studio UND) präsent - und ist es im Grunde bis heute. Auch wenn, wie Graphik-Chef Michael Semff formuliert, Calderara einer "der verschwiegensten Meister der italienischen Kunst" ist. </P><P>Die Zusammenschau Ölbild-Aquarell erzählt aber auch die fantastische Geschichte eines Autodidakten: Der Maler traumverlorener, aber figürlicher Werke (stille Gassen, stille Familien) entwickelte sich noch als 50-Jähriger zu einem konsequenten Vertreter Konkreter Kunst. Aber sein uvre wirkt keineswegs zeitgeistig angestaubt wie das von so manchem Kollegen, sondern frisch und aktuell. </P><P>Antonio Calderaras Untersuchungen zu Quadraten, Rechtecken und Balkenstreifen in zumeist hingehaucht feinen Farbnuancen erweisen sich als wichtiger Bezugspunkt unserer heutigen Kunst. Im so heftigem wie herrlichem Kontrast zu dem leisen Italiener ein richtig lauter Holländer aus Haarlem. Die Graphische Sammlung hat aus ihren Schatztruhen einige exzellente Blätter des Manieristen Hendrick Goltzius (1558-1617) in den Eingangsflur gehängt. </P><P>Kraftstrotzende Clairobscur-Holzschnitte (mehrere, auch farbige Druckplatten) und Kupferstiche. Der Körper und seine Bewegungen, vor allem exzessive und exzentrische, stehen auf dem Programm, egal ob "Mars und Venus", ob der heilige Hieronymus. Und neben Goltzius' "Großem Herkules" sehen unsere Waschbrettbauch-Mannen sowieso wie Zwetschgenmandl aus. </P><P>Bis 18. Mai. Calderara-Heft: 16 Euro, Goltzius-Broschüre: drei Euro. Tel. 089/ 238 053 60.  </P>

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