Der Verzicht des potenten Mannes

- "Was heißt schon schwierig? Schwierig ist das Leben. Da geht's um alles. Auf der Bühne geht's doch höchstens um die eigene, berufliche Existenz. Oder?" Nein, dieser Mann verklärt nichts, wenn er auf die so schwierige wie strapaziöse Partie des Hans Sachs angesprochen wird. Jan-Hendrik Rootering strahlt die selbstbewusste Bescheidenheit des großen Künstlers aus, des absoluten Profis, der gegenwärtig der Welt berühmtester Schuster ist. Mit Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" gehen die Münchner Opernfestspiele an den großen Premierenstart. Am kommenden Dienstag, 16 Uhr, öffnet sich erstmals der Vorhang zur Neuinszenierung von Thomas Langhoff. Unter dem Dirigat Zubin Mehtas singen Michaela Kaune die Eva, Robert Dean Smith den Stolzing und - Jan-Hendrik Rootering den Hans Sachs.

<P>Sie haben die letzte Vorstellung der alten "Meistersinger" gesungen, das war vor einem Jahr. Sie singen die erste Vorstellung der neuen. Ist Ihr Hans Sachs, sind Sie ein anderer geworden?<BR><BR>Rootering: Ich glaube ganz fest, dass die persönliche Entwicklung das Wichtigste ist und dass man sich als Mensch ändert. Der Zustand vor fünf Jahren war ein anderer als der vor zehn Jahren oder der heute. Das wünsche ich mir jedenfalls, das hält nämlich flexibel.<BR><BR>Wenn Sie sich im Laufe der Jahre gewandelt haben, gilt das auch für Ihren Sachs?<BR><BR>Rootering: Der kann sich im Prinzip nicht so verändern, wenn man den Text genau nimmt. Es handelt sich bei ihm um das Erkennen des Neuen, Unbekannten und darum, dass er es nicht gleich ablehnt. Sachs stellt fest, dass manches, was die Jungen bringen, besser ist als das, was er macht. Ich glaube, Sachs ist sich bewusst, dass er, wenn er beim Sängerwettstreit aufstehen und singen würde, das Mädchen überzeugen könnte. Der bewusste Verzicht des potenten Mannes, sein Einsehen, dass der andere die besseren Karten hat - das macht ihn groß. Aber genau das ist es, was auch heute so vielen schwer fällt.<BR><BR>Ihren ersten Hans Sachs haben Sie vor zehn Jahren gesungen und seither in den unterschiedlichsten Inszenierungen. Was können da noch neue Proben bewirken?<BR><BR>Rootering: Es gibt gewisse Schattierungen, die in der einen Produktion mehr, in der anderen weniger herausgearbeitet werden. Was ich überhaupt nicht mag, das ist dieser weise, alles wissende Sachs. Der ist ja auch mit seinen Nöten unterwegs . . . Aber je besser ich die Rolle kenne, umso mehr kann ich mich dem hingeben, was der Regisseur mit ihr vor hat.<BR><BR>Welche Macht hat ein berühmter Sänger dem Regisseur gegenüber?<BR><BR>Rootering: Machtspiele finde ich uninteressant. Ich bin Mitspieler und kann als solcher nicht objektiv beurteilen, wie das, was wir auf der Bühne machen, nach unten wirkt. Ich muss mich verlassen auf das Wort der anderen. Ich beschränke mich also auf die Möglichkeit meiner Verantwortung der Sache gegenüber. Zum Beispiel: Ich kann nicht mit dem Rücken zum Publikum singen, da versteht mich niemand. Oder: Wenn im Hintergrund zu viel los ist, während der Sänger vorne seine Arie hat, verleitet das dazu, dass das Publikum abgelenkt, der Sänger nicht gesehen und also auch nicht gehört wird. Es gibt Regisseure, die können mit diesen Gegebenheiten nicht umgehen. Aber da stehen wir Sänger alle drüber; wir wissen, was wir tun. Doch das Theater ist ein sehr hierarchischer Betrieb, der Patriarch hat das Sagen. Wenn mir etwas nicht passt, wenn man nicht darüber reden kann, bleibt mir höchstens das "Auf Wiedersehen".<BR><BR>Schon mal praktiziert?<BR><BR>Rootering: Einmal in Amsterdam, König Marke in "Tristan und Isolde", Regie Jürgen Gosch. Das Mindeste, was ich erwarte, ist, dass der Regisseur ebenso Vorarbeit leistet wie wir.<BR><BR>Der Hans Sachs ist eine der größten und schwersten Partien des Opernrepertoires. Wie bereiten Sie sich jeweils darauf vor?<BR><BR>Rootering: Wie auf einen Marathonlauf. Mittlerweile habe ich aber die Rolle 150-mal gesungen, ich bin etwas entspannter. Mir selbst fällt übrigens die Länge gar nicht auf. Jedes Mal, wenn wir beim Quintett angelangt sind, durchzuckt es mich: Sind wir schon so weit? Ich merke den dritten Akt gar nicht. Der ist wie Leben.<BR><BR>Ihre nächsten Pläne?<BR><BR>Rootering: In München "Frau ohne Schatten", "Tristan" in Neapel, "Zauberflöte" in London.<BR><BR>Gibt es Verabredungen mit dem zukünftigen Intendanten Christoph Albrecht und mit Kent Nagano?<BR><BR>Rootering: Es gibt grundsätzliche Gespräche. Mit Nagano habe ich kürzlich die Achte Mahler aufgenommen. Wir waren uns sehr sympathisch.<BR><BR>Sie leben in Frankreich und sind zum wievielten Male verheiratet?<BR><BR>Rootering: Das sage ich nicht. Aber jetzt habe ich die Richtige gefunden, eine Französin, die ich beim "Parsifal" an der Opé´ra Bastille kennen gelernt habe. Wir haben einen kleinen Sohn. Dass es ihn gibt, hat mich sehr verändert. Insofern wird auch der Hans Sachs vielleicht ein bisschen ein anderer sein.<BR><BR>Kommt Ihre Frau am Dienstag zur Premiere?<BR><BR>Rootering: Nein, denn da hat auch unser Sohn eine Premiere - im Kindergarten.<BR><BR>Ihr Credo?<BR><BR>Rootering: Ich möchte noch sehr lange sehr viel lernen. Sonst könnte man die Kiste ja gleich zu machen.</P><P>Das Gespräch führte Sabine Dultz<BR></P>

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