Verzweifelte Suche

- Weißes T-Shirt mit sachlicher Schrift: "Mach's wie Gott, werde Mensch". Spott oder Anmaßung, echter Glaube oder Egozentrik? Daneben das Gedicht über die Menschen, die immer schon geschrieen haben aus Wut, Angst und Schmerz, die aufgegeben haben, die Welt zu verändern, die unter Panzern verenden. Spätestens hier gefriert einem nun endgültig das Lächeln über dreiste Sprüche. Die "herrgottswinkel", die Norbert C. Kaser und Volker Derlath aufgetan haben, sind alles andere als idyllische Oasen für die Seele. In dem Buch geht es um das Sezieren der Religionsnutzung, wie sie herber, aber auch anschaulicher, assoziativer und direkter nicht sein könnte.

Mach's wie Gott, werde Mensch

Das Kreuz: An die Wand geschmiert, über dem Notausgang fixiert, von ausgestopften Vögeln bedroht, heruntergekippt oder über vollem Busen, auf sauberer Krawatte oder in Satanistenhand präsentiert, ist Mode und Markenzeichen oder leeres Symbol. Jesus dazu, armlos, vornübergeneigt, uferlos verkitscht oder verzerrt durchs Weinglas betrachtet, ist ein Geschändeter. In jedem Winkel sind die Anzeichen vom Verfall der Religion zu sehen: Man muss sie nur mit den Augen von Derlath wahrnehmen. Der Fotograf hat ein Auge für skurrile Ausschnitte, die sich wie Aphorismen einprägen.Der Münchner Fotograf entdeckte schon vor längerer Zeit die Verse Kasers, die einen zerrissenen Menschen im Kampf mit sich und der Welt preisgeben. Ein Jahr war Kaser im Brunecker Kapuzinerkloster, haderte die meiste Zeit seines nur 31-jährigen Lebens mit dem Dasein, bevor er 1978 an den Folgen von Krankheit und Alkoholismus starb. Die Biografie des mit dem österreichischen Literaturstipendiums ausgezeichneten Lehrers spiegelt die gleiche Tragik wider wie seine Lyrik. Ein grundsätzlicher Skeptiker und rastlos Suchender war Kaser, der seine Verzweiflung hinausspuckt in dichter und ansteckender Wut. "wir sollten statt des essens die peitsche kriegen man sollte uns auf den vollen bauch treten" wehrt er sich gegen die Standortlosigkeit des satten Bürgers. Daneben balanciert Jesus einhändig auf einem Pfosten, die Füße noch an ein Reststück Kreuz genagelt. Leichtigkeit, Übermut, Verwerflichkeit, Missachtung - um diese Komponenten ergänzen Derlaths Schwarz-Weiß-Bilder die Gedichte. Und genau das tut unheimlich gut: So wird die Erschütterung der ehemaligen Grundfesten der Moral mit einem Augenzwinkern zu einer Meditation im Alltag.

Volker Derlath, Norbert C. Kaser: "herrgottswinkel". A1 Verlag, München, 112 Seiten; 18,80 Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Schauburg-Intendantin stellt sich den Bürgern
Die künftige Intendantin des Theaters der Jugend in der Schauburg, Andrea Gronemeyer, verspricht einen engen Austausch mit den Bürgern.
Schauburg-Intendantin stellt sich den Bürgern
Weltklassegeigerin Julia Fischer eröffnet Musikfest Kreuth
Kreuth - Zum zweiten Mal in Folge müssen die Veranstalter des Internationalen Musikfestes Kreuth auf andere Spielstätten ausweichen. GmiundDafür treten etwa in der …
Weltklassegeigerin Julia Fischer eröffnet Musikfest Kreuth
Konzertkritik: So war „The xx“ im Zenith
München - Das Londoner Indie-Pop-Trio „The xx“ gastierte am Freitag im Münchner Zenith. Die Konzertkritik:
Konzertkritik: So war „The xx“ im Zenith
Ein Generalintendant für Gasteig und Konzertsaal?
München - Ein Restaurant auf dem Dach, ein attraktiverer Eingangsbereich, eine Philharmonie, die ertüchtigt wird: So stellt sich Max Wagner den neuen Gasteig vor. Am …
Ein Generalintendant für Gasteig und Konzertsaal?

Kommentare