Verzweifelte Suche nach dem Ich

- Bassa Selim, das ist nur noch die Hausmarke, die Pedrillo dem Haremswächter Osmin einschenkt, wenn er ihn außer Kraft setzen will. "Jahrgang '98, damals gab's ihn noch", fügt der freche Bursche hinzu und spielt damit kess auf jenen Regieschachzug an, der bei der Salzburger Festspiel-Premiere von Mozarts "Entführung aus dem Serail" im Vorjahr heftige Kritik auslöste. Denn der Bassa, jener aufgeklärte Renegat, der Constanzes Liebe erzwingen könnte, sie aber geschenkt haben will, tritt in der eigenwilligen Fassung des jungen Regisseurs Stefan Herheim und seines Dramaturgen Wolfgang Willaschek nicht auf. Die beiden haben sich ihre, alle gängigen Erwartungen nicht erfüllende Inszenierung heuer noch einmal vorgenommen und ihren kühnen, schon im vergangenen Jahr überzeugenden Ansatz nunmehr konsequent fortgesetzt.

<P>Dass sie neben großer Begeisterung am Sonntagabend im Kleinen Salzburger Festspielhaus wieder auch heftige Buhs ernteten, ist normal. Denn mit jenem Singspiel, das der 26-jährige Mozart zusammen mit seinem Librettisten Stephani 1782 in Wien herausbrachte, hat die Salzburger Version nur noch eins gemein: die Musik. Zweifellos die Hauptsache, aber jetzt in noch radikaler geändertem Kontext. Die verknappte Textfassung zielt - manchmal banal, aber Wort für Wort in der Leuchtschrift nachzulesen _ stringent ins Schwarze. Das heißt bei Herheim/Willaschek exakt hin auf die nächste Mozart'sche Musiknummer, aber auch in die totale Verunsicherung: die zwischen Männern und Frauen, aber auch die, die der Mensch in sich selbst verspürt - als verzweifelte Suche nach dem Ich. Und die, dass in jedem ein Stück Bassa Selim steckt, eine Portion Aufklärung in all ihrer Dialektik.</P><P>Gedankenspiele, die im Programmheft erhellend nachzulesen sind. Doch nicht nur das. Zum Glück ist der 31-jährige, spürbar "Così`"-geschädigte Herheim mit überbordender Fantasie begabt und besitzt reichlich handwerkliches Rüstzeug, um alle Theorie in spielerische, wahrhaft komödiantische, immer wieder überraschende, erhellende Bühnenaktion umzusetzen und sich ein paar ärgerliche Übertreibungen aus dem Vorjahr - etwa die endlose Malerszene - zu verkneifen. Gottfried Pilz' hoch ästhetischer, klassizistisch strenger Raum mit all seinen verunsichernden Verschiebungen und den virtuosen Video-Überblendungen fasziniert aufs Neue. In ihm tummeln sich die jungen (Braut-)Paare, die vervielfältigten Konstanzes, Blondes, Belmontes und Pedrillos: mit all ihren Hoffnungen, Erwartungen und Wünschen, ihren Träumen von der Liebe. Aber auch mit ihren Traumata, ihren Ängsten und Machtansprüchen. </P><P>Geriet im vergangenen Sommer die Musik allzu sehr unter die Räder, so behauptet sie sich heuer unter neuen Voraussetzungen: Zum einen dienen die gekürzten Dialoge jetzt als Steilvorlage für Arien, Duette oder Ensembles, zum anderen nutzt Julia Jones am Pult des Mozarteum Orchesters ihre Debüt-Chance und pariert die Inszenierung mit einem äußerst kräftigen, zuweilen fast rüden Ton. Da lauern nicht nur in Mozarts "türkischer Musick" Gefährlichkeit und Brutalität, da melden sich auch Nebenstimmen vorlaut zu Wort, treten Trompeten rücksichtslos nach, gackert das Holz dazwischen. Neuling Christoph Strehl vereint als Belmonte jugendliche Spielfreude mit einem idealen Mozart-Tenor.</P><P>Diana Damrau vererbte ihre Blondchen-Partie an die dunkler getönte, aber genau so treffsichere und selbstbewusste Laura Aikin. Sie selbst sprang als Konstanze ein und begeisterte mit schmerzlich eingefärbten oder dramatisch aufgeladenen Koloraturen. Mit Dietmar Kerschbaumer als Pedrillo und Peter Rose als Osmin rundete sich das Ensemble - auch ohne Bassa Selim. </P>

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