Veteranen schließen Frieden

The Who in der Olympiahalle: - Früher galten sie als Radau-Brüder. Dass die älteren Herrschaften von The Who noch immer zur Rockspitze gehören, bewiesen sie in München.

Es ist noch gar nicht so lange her, da hatte Pete Townshend erklärt, dass alle Hits, die er für The Who komponiert hatte, Müll seien. Einzig die Rock-Operette "Tommy" sei ein echtes Meisterwerk. Da war Townshend knapp 50, frustriert vom mangelnden Erfolg diverser Solo-Projekte und wohl in einer Midlife-Crisis. Bei dem furiosen Konzert in der Münchner Olympiahalle ist indes kein Hauch von Resignation zu spüren.

Im Gegenteil, "The Who" toben unter Townshends Anleitung mit jugendlichem Elan durch ihre großen Hits. Mit Ironie setzt er sogar zweimal zu den Sprüngen an, die zu seinem Markenzeichen geworden waren. Auch die "Windmühle", also das Kreisen der Arme beim Gitarrespielen, deutet er an. Freilich reduziert - die Knochen machen ja nicht mehr alles mit. Sänger Roger Daltrey schwingt dazu wie in alten Tagen sein Mikrofon, und gemeinsam verbreiten sie eine ansteckende Energie. Möglicherweise schöpfen sie ihre Kraft auch aus der Tatsache, dass verblüffend viele junge Fans im Saal sind. Manche können noch gar nicht auf der Welt gewesen sein, als sich die Truppe 1982 das erste Mal auflöste. The Who beschränken sich allerdings nicht auf Nostalgie. Die einstmals "lauteste Band der Welt" liefert kraftvollen und experimentierfreudigen Rock ab. Klassiker wie "Won‘t Get Fooled Again" geraten mit lustvollen Kangspielereien zu wüsten Rockmonstern, die einen mitreißen. Darüber vergisst man völlig, dass die Hälfte der Originalbesetzung, und zwar die wichtige Rhythmus-Sektion, wegen verfrühten Ablebens nicht dabei ist. Aber John Entwistles dynamischer Bass und Keith Moons genial irrlichterndes Schlagzeug werden wirklich adäquat ersetzt. Insbesondere Zak Starkey, Ringo Starrs Sohn übrigens, überzeugt am Schlagzeug mit leidenschaftlichem Einsatz und zertrümmert immer mal wieder seine Stöcke. Keith Moon wäre stolz auf den Jungen.

Ansonsten gibt es keine Sachbeschädigung, die Zeiten der Zerstörungsorgien sind vorbei. Die Fans sehen großherzig darüber hinweg, dass die Jahre exzessiven Schreigesangs Daltreys Stimmbänder nicht geschmeidiger gemacht haben. Der Sportsgeist, mit dem Daltrey sich in seinen Auftritt wirft, ist dennoch bewundernswert. Selbst sein Antagonist Townshend scheint beeindruckt zu sein und lässt sich zu einer Umarmung hinreißen. Gemeinsam bedanken sich beide Veteranen verdächtig lange beim Publikum. Ob da zwei Herrschaften sentimental Frieden miteinander schließen? Auch schön.

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