Wo Alt und Neu verbunden sind, genau da werden ab Frühling 2013 die Besucher das vergrößerte Lenbachhaus betreten; links der Anbau mit Restaurant und rechts die Künstlervilla.

„So viel Großzügigkeit hatten wir nie“

München - Auf die richtige Perspektive kommt es an. Und so besteht Direktor Helmut Friedel darauf, dass die Besucherin der Lenbachhaus-Baustelle auf den Eingang zugeht, wie es die meisten taten und ab Frühling 2013 nach vier Jahren Bauzeit auch wieder tun werden.

„75 Prozent unseres Publikums kommen von der U-Bahnstation oder vom Königsplatz“, berichtet der Chef und zeigt dann, wie malerfürstlich und stadtbürgerlich zugleich die Besucher vom „neuen“ Lenbachhaus empfangen werden. Noch werden die verschieden getönten Platten für den Museumsplatz verlegt, noch wird innen gewerkelt vom Eichenparkettfußboden bis zur LED-Beleuchtung und Überwachungstechnik – ganz zu schweigen vom noch völlig verwüsteten italienischen Garten von Franz von Lenbach.

Die zentrale Halle mit der Alt-Neu-Verbindung führt auf kurzen Wegen die Besucher zu allen Sammlungsbereichen.

Die Künstlervilla (erbaut 1883 bis ’89), der die Propyläen am Königsplatz gewissermaßen als Entree dienen, wie Friedel schmunzelnd anmerkt, beherbergt die Städtische Galerie. Zu ihr gehört außerdem der Kunstbau im U-Bahn-Zwischengeschoss, in dem auch während der Bauzeit Ausstellungen zu sehen sind. Das Haus selbst war bereits in den späten 20er-Jahren um den (nördlichen) Grässel-Trakt erweitert worden. Das Interesse der Besucher an Museen überhaupt und an diesem im Besonderen ist aber in den vergangenen Jahrzehnten so sprunghaft angestiegen, dass das mit dem ursprünglichen Zustand nicht mehr angemessen zu bewältigen war. Ob es nun um Kunstvermittlung ging oder behindertengerechte Zugänge, ob um Klimatechnik oder vernünftige Restaurierungswerkstätten. Obendrein war die denkmalgeschützte Substanz dauernd gefährdet.

Helmut Friedel, Chef des Lenbachhauses, im zukünftigen Restaurant mit Blick auf die Propyläen.

Die Lösung war der Anbau, der nun peu à peu fertiggestellt wird. Den Wettbewerb dafür hatte das Büro Norman Foster und Partner gewonnen. Es hat trotz der gewöhnungsbedürftigen Messingröhren-Fassade doch die Malerresidenz sehr respektiert. So hat der Besucher auf den ersten und eben besten Blick gleich den (auf-)reizenden Dialog von Neu und Alt vor Augen. Bevor man die zentrale Halle betreten wird, kommt man durch einen Vorraum, der sogar einen Auslug in den Garten zulässt. Das große Foyer ist selbst Programm und Orientierung: Sofort erkennt man das lockere Andocksystem zwischen Alt- und Neubau, das einerseits die Wand des Ur-Lenbachhauses „freistellt“, andererseits Wege und Stege zur Kunst offen, allerdings etwas unruhig aufzeigt. Fast auf einen Blick sieht man: Da geht’s zum „Blauen Reiter“, dort zur „Kunst nach 1950“ oder zur Joseph-Beuys-Sammlung. „So viel Großzügigkeit hatten wir bisher nie“, freut sich Friedel. Übrigens werden alle Abteilungen des Museums – auch das 19. Jahrhundert – bis zum Doppelten ihres ehemaligen Platzes einnehmen können. So bekommen nun Wassily Kandinsky und Franz Marc/August Macke je einen repräsentativen Saal. Darüber hinaus wird die Städtische Galerie sowohl bei Beuys wie bei der Kunst nach 1950 um bedeutende Sammlungen erweitert werden. Die Neueröffnung ist deswegen eigentlich eine dreifache.

Wichtig ist dem Museumschef aber nicht nur das. Er will „jeden Abend Licht und Leben“ im Lenbachhaus. Dazu werden Veranstaltungen im neuen Saal (rund 100 Plätze) und vor allem das Restaurant mit 119 Plätzen – Terrasse zur Brienner Straße vorhanden – im Anbau-Erdgeschoss beitragen. Von hier aus hat der Besucher durch die Glaswände eine Mega-Sicht von innen nach draußen, und zwar auf die Propyläen. Schon jetzt ein Genuss trotz verdreckter Fensterscheiben und Bauzaun.

Eine weitere, „stillere“ Freude beschert der gelungene Tageslichteinfall in den Ausstellungsräumen im Obergeschoss. Die geschwungenen Lichtschächte auf dem Dach, die man von außen sehen kann, machen es möglich. Was später mit dem innovativen LED-Lichtsystem gezaubert werden kann, wird beim jetzigen Bauzustand noch nicht deutlich. Deutlich wird in dem aktuellen Innenausbau-Tohuwabohu jedoch die Behindertenfreundlichkeit. Überhaupt fällt schon jetzt an den Räumen und Raumreihungen auf, wie zwanglos und un-oberlehrerhaft mit den zukünftigen Gästen umgegangen werden wird.

Dazu zählt, dass die Kunstvermittlung hoch oben unter Lenbachs Türmchen untergebracht ist. Hier spürt der Lenbachhaus-Freund, der kreativ werden will, die verspielte und inspirierende Aura. Obendrein triumphiert – neben den Original-Wohnräumen – in diesen verwunschenen Zimmern mit den Fensterln zum Garten der Charme der Villa. Und der ist nach wie vor zusammen mit der Kunst das Wichtigste an der Städtischen Galerie.

Simone Dattenberger

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