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Holt José Carreras und Bobby McFerrin nach München: Andreas Schessl, seit 25 Jahren Konzertveranstalter.

Zum Jubiläum - „MünchenMusik“ wird 25 Jahre alt

Wie viel Netto für Netrebko?

Andreas Schessl gilt als einer der erfolgreichsten Klassik-Konzertveranstalter Europas. Von einem kleinen Haus in Daglfing aus führt er ein Unternehmen, das seit 25 Jahren Stars nach München lockt – oder sie selbst mit aufbaut.

„MünchenMusik“ bot unter anderem die erste Deutschland-Tournee von Anna Netrebko an und präsentierte das Münchner Debüt von Lang Lang. Bis heute behauptet sich Schessl auf dem hart umkämpften Klassik-Markt.

-Auch „MünchenMusik hat“ einmal klein angefangen...

Es war eigentlich ein Zufall. Schloss Blutenburg wurde damals renoviert, ein Konzertsaal entstand. Meine Familie kannte den Architekten. Ich steckte gerade im ersten Semester meines Betriebswirtschafts-Studiums, und die Aufgabe, dort Konzerte zu veranstalten, reizte mich. Ich begann mit Kammermusik. Damals sagten mir alle: Vergiss es, der Münchner Markt ist zu. Doch zum Ende meines Studiums bot ich schon etwa 40 Konzerte im Jahr an.

- Heute sind es 250 Konzerte, und Sie sind Münchner Marktführer. Wie hat sich der Klassikmarkt seither verändert?

Er ist kommerzieller und schnelllebiger geworden. Im Grunde ähnelt er immer mehr dem Popmusik-Geschäft. Klassik-Stars werden heute in zwei oder drei Jahren gemacht. Früher dauerte das zehn Jahre. Da muss man als Konzertveranstalter flexibler reagieren und teilweise kurzfristiger planen. Zudem sind die Gagen für große Stars in die Höhe geschossen. Wir reden über sechsstellige Summen pro Abend. Das spiegelt sich auch in den Eintrittspreisen wider.

-Lohnt es sich da finanziell überhaupt noch, einen Star zu buchen?

Das müssen wir uns zunehmend öfter fragen. Wir haben immer wieder große Vertragsabschlüsse nicht gemacht, weil sie betriebswirtschaftlich nicht sinnvoll gewesen wären. Ich kalkuliere nie einen Verlust bewusst ein, nur um einen großen Namen zu bekommen. Da würde man eine Entwicklung unterstützen, die weder für die Veranstalter noch für das Publikum gut wäre.

-Größen wie Anna Netrebko oder Rolando Villazón traten bei Ihnen schon lange vor ihrem Durchbruch auf. Wie wichtig ist das fürs Geschäft?

Sehr wichtig. Zum einen sehen die Künstleragenturen: Da ist jemand, der junge Künstler aufbaut. Zum anderen sieht das Publikum, dass wir immer wieder neue Entdeckungen präsentieren.

- Gibt es eigentlich so was wie Treue von Künstlern zu dem Veranstalter, der sie aufgebaut hat?

Darauf hofft man immer. (lacht). Zu große Illusionen sollte man sich da allerdings in diesem Markt nicht machen. Doch es gibt diese Treue. Cecilia Bartoli zum Beispiel kommt immer wieder zu uns.

-Ist die Konkurrenz für Sie größer geworden?

Da gibt es eine neue Entwicklung: Plattenfirmen stehen unter Druck. Wegen des unbezahlten Herunterladens von Musik verkaufen sie eben immer weniger. Sie wollen sich breiter aufstellen und übernehmen immer öfter auch das Management und die Konzert-Organisation für ihre Künstler. Das halte ich für einen problematischen Trend.

- Sie haben Ihr Programm inzwischen weit über die Klassik hinaus erweitert. Eine Reaktion auf den umkämpften Markt?

Das war sicherlich wirtschaftlich sinnvoll. Aber es macht auch wahnsinnig Spaß. Die Kammermusik ist meine große Liebe – aber es ist auch toll, mal Rodger Hodgson von „Supertramp“ präsentieren zu können. Oder eine Show wie „Clowns“ selbst zu produzieren – da freut man sich wie ein Kind drauf. Etwas Besonderes für mich war es auch, als wir erstmals Bobby McFerrin mit Orchester zeigten. Viele Leute waren vorher skeptisch – und sagten: Das verkauft sich nicht. Es hat sich verkauft und war ein traumhaftes Konzert.

-Geht das auf Kosten etwa der Kammermusik?

Die Kammermusik tut sich heute in der Tat schwer. Aber weil unser Programm vielfältig ist, kann ich es mir leisten, aus der Kammermusik keinen Gewinn zu ziehen und sie trotzdem zu pflegen. Deshalb ist die Diversifizierung eher eine Chance als ein Zwang.

- „MünchenMusik“ ist immer ein Familienbetrieb geblieben. Schätzen das Ihre Künstler?

Sehr. Die menschliche Seite ist enorm wichtig. Als Veranstalter sind wir auch Beistand und Helfer in der Not. Sie müssen wissen, dass es für Künstler oft eine Extremsituation ist, wenn sie auftreten. Einige sind nervös, andere müssen krank auf die Bühne. Und manchmal passiert kurz vor dem Auftritt noch ein Unfall. Gerade sensiblen Künstlern ist es da wichtig, sich gut aufgehoben zu fühlen. Sie wollen die Menschen kennen, die das Konzert organisieren, und wissen, dass sie sich auf die verlassen können.

-Sie sind selbst Musiker, haben vor Ihrem Studium parallel zur Schule am Konservatorium studiert.

Ja, ich studierte Horn. Als ich dort mit 13 anfing, war der Horn-Koffer noch fast größer als ich. Ich denke, es ist in dieser Branche wichtig, Betriebswirt und Musiker zugleich zu sein. Früher wurden viele Konzerte von reinen Liebhabern nur halbprofessionell veranstaltet. Heute wiederum steigen auch Leute ein, die rein wirtschaftliche Interessen haben. Und das ist mindestens genauso schädlich.

Das Gespräch führte Johannes Patzig

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