Viel Ruhe, wenig Kraft

- "In der Ruhe liegt die Kraft", scheint derzeit unter Frankreichs Filmemachern die Parole zu sein. Nimmt man die französischen Beiträge der Berlinale, quer durch alle Sektionen, als Maßstab für das aktuelle Filmschaffen in unserem Nachbarland, macht sich dort eine überraschende Entdeckung der Langsamkeit sowie ein Verzicht auf überbordende Dialoge breit. Lange, gedehnte Einstellungen. Postkartenschöne Bilder. Kein Wort zu viel kommt den Figuren über die Lippen. Im Mittelpunkt stehen oft unkommentiert allein die Körper der Protagonisten.

<P>Das kann dann ein eindrucksvoll präziser Theaterfilm werden, voller Spannung und Eleganz wie "Vers Mathilde" (Forum), die jüngste Dokumentation von Claire Denis. Sie porträtiert Mathilde Monier, die Leiterin einer Ballettcompagnie in Montpellier. Es kann aber auch eine recht zähe, schwermütige Liebesgeschichte werden, wie sie Jerôme Bonnell in "Les yeux clairs" (Forum) erzählt: Auf der Suche nach dem Grab ihres Vaters und seiner deutschen Geliebten reist die psychisch gestörte Fanny den Rhein entlang. Während der Fahrt, die sich an die typischen Deutschlandbilder à la Loreley anlehnt, lernt Fanny den Bauern Oskar (Lars Rudolph) kennen. Mit dem kann sie sich nicht verständigen - aber Bonnell fehlen die passenden Bilder, um diese Faszination der beiden füreinander deutlich und glaubhaft zu vermitteln.<BR><BR>Ähnlich sprach- und wortlos, dafür aber mit vielen Meeresfrüchten gestaltet sich der sommerliche Liebesreigen von Olivier Ducastel und Jacques Martineau: "Crustaces et coquillages" (Panorama) bebildert den Urlaub einer Familie in ihrem Ferienhaus, das allmählich von Freunden, Verwandten und Bekannten förmlich überrannt wird. Die Anwesenheit diverser aktueller oder gewesener Liebhaber birgt reichlich Konfliktstoff.<BR><BR>Das alles ist nett anzusehen, ebenso wie André Téchinés "Les temps qui changent". Regie-Grande Téchiné bietet zwei der größten französischen Stars für seinen Wettbewerbsbeitrag der diesjährigen Berlinale auf: Gérard Depardieu spielt den Bauunternehmer Antoine, der 31 Jahre nach ihrer letzten Begegnung seine einzige Liebe Cécile (Catherine Deneuve) immer noch nicht vergessen kann. Also macht er sich auf nach Tanger, wo die Angebetete inzwischen mit Familie lebt, und versucht eine erneute Kontaktaufnahme mit der Frau, die für ihn längst zur Obsession geworden ist. Erlesene Bilder hat Té´chiné´ für diese zweite Chance einer großen Liebe gefunden. Pittoreske Schauplätze, zwei grandiose Darsteller und manch originelle Situation. Zu Herzen geht das Ganze trotzdem nicht. Alles bleibt kühl, behauptet und aufgesagt. Schönes Hochglanzkino ohne wirklich gefühlte Emotionen. Das kann passieren und darf es auch. Langweilen sollte ein Film deshalb aber nicht. <BR><BR>"Le promeneur du Champs de Mars" von Robert Guédiguian tut dies aber. Knappe zwei Stunden lang. In kühlen, ausgeblichenen Farben malt er die letzten Lebensmonate von Franç¸ois Mitterrand aus. Gediegenes Schauspielerkino sollte das werden, wenn Michael Bouquet Mitterrand als den letzten König der Grande Nation spielt, der in der Kathedrale von Chartres die Königsgräber ansieht und dabei über sein Leben räsoniert. Denkmalgleich marmorn und totenbleich.<BR></P><P> </P>

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