50 Jahre Münchner Nationaltheater

Viele Worte, wenig Musik

München - 50 Jahre Wiedereröffnung des Münchner Nationaltheater, dieses Jubiläum ist am Sonntag mit vielen Worten und wenig Musik gefeiert worden – ein für viele enttäuschender Festakt.

Was für ein Zuhörerblock auf der Bühne. Gwyneth Jones zum Beispiel, René Kollo, Edith Mathis, Kurt Moll, Matti Salminen, Gabriele Schnaut und fast ganz in der Mitte Inge Borkh, 92-jährige Opernlegende, jene Sopranistin, die vor 50 Jahren zur Wiedereröffnung des Hauses die Titelrolle in der „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss gesungen hat – und deshalb als einziger Promi von Intendant Nikolaus Bachler persönlich begrüßt wurde. Diese Star-Parade machte allein durch ihre Anwesenheit überdeutlich, was dieses Haus seit 1963 auszeichnet – weniger die vielen Worte, die darum an diesem Vormittag fallen mussten.

Vier kurze Musiknummern, immerhin von den Hausgöttern Mozart, Strauss und Wagner, das war es dann auch schon. Doch wie Gwyneth Jones, einst selbst an diesem Ort die Feldmarschallin, dem „Rosenkavalier“-Monolog ihrer Kollegin Nina Stemme lauschte, wie sich die Miene der Seniorin vom Zitronigen ins Entzückten wandelte, das waren diese 70 Minuten Festakt allein wert. Ebenso wie René Kollo stumm die Siegmund-Worte aus der „Walküre“ mitsprach, die Jonas Kaufmann gerade an der Rampe sang.

Beziehungsreiche Stücke waren das. Der Auftakt mit der Ouvertüre zu Mozarts „Don Giovanni“, die vom düstersten d-Moll ins Licht umschaltet, gemahnte an die Zeit, als sich ein zerstörtes Haus aus der Asche erhoben hatte. Siegmunds „Winterstürme“, die Kaufmann interpretierte, erklangen vor 151 Jahren erstmals in diesem Theater. Und in Nina Stemmes „Rosenkavalier“-Ausschnitt sinniert die Marschallin ahnungsvoll über Zeit und Vergänglichkeit – auch wenn der Monolog mit „Da geht er hin, der aufgeblas’ne, schlechte Kerl“ anhebt. Und das, eine ungewollte Pointe, nachdem gerade der neue bayerische Kunstminister Ludwig Spaenle das Wort ergriffen hatte.

In seiner sehr geschichtsbewussten Rede nahm Spaenle die Giebel-Inschrift des Nationaltheaters zum Ausgangspunkt: „Apollini et Musisque redditum“ – Apollo und den Musen zurückerstattet sei dieses Haus, was auch eine Verpflichtung des Staates bedeute. Landtagspräsidentin Barbara Stamm erinnerte daran, dass München seinerzeit für Mozart „keine Planstelle“ frei hatte. Und der eigentliche Festredner, der Schriftsteller Péter Esterházy, befasste sich vor allem mit einem Thema: mit sich selbst.

Dies tat der Ungar allerdings auf amüsante Weise. Von Oper habe er nicht viel Ahnung, räumte er in zwanzigminütiger Dauer-Ironie ein. Dennoch sprach Esterházy vom beschleunigten Lebenstempo der Sänger auf der Jagd nach Geld (kein Applaus im Promi-Block), davon, dass die Oper aufgrund ihrer Kosten „zum Erfolg verurteilt“ sei. Er erinnerte an den Freiheitskampf seiner Landsleute – und daran, so der direkte Bezug zum Münchner Jubiläum, dass er selbst vor fast genau 50 Jahren erblindet sei: für drei Tage und dies nach einem Fußballtreffer ins Gesicht. Eine Rede zum Schmunzeln, Nachdenken und -lesen, nicht unbedingt freilich für diesen Anlass.

Wenigstens hatte die homöopathisch verabreichte Musik starke Wirkungskraft. Schon an den ersten schroffen Akkorden der „Giovanni“-Ouvertüre, auch in einer einzigen Cello-Kantilene am Beginn des Siegmund-Monologs ließ sich abhören: Eine neue musikalische Zeitrechnung ist am Max-Josephs-Platz angebrochen. Was da Kirill Petrenko mit seinem neuen Ensemble, dem Bayerischen Staatsorchester, zauberte, machte ohrenfällig, wie sich die Musiker dem neuen Chef hingeben – und was von dieser „Ehe“ künftig zu erwarten ist. Und dies bereits am kommenden Donnerstag, beim eigentlichen Ernstfall, der Premiere der „Frau ohne Schatten“.

Am Ende noch der Schlusschor aus Mozarts „Zauberflöte“, kurzer Applaus und Aufbruch fürs Gros der Gäste zu den Garderoben. Dort bekam der Normalbesucher – die Gratis-Karten wurden verlost – schnell noch ein beziehungsreiches Präsent in die Hand gedrückt: eine Papiertüte mit einer Flasche „Operator“, einem Krüglein, einem Bunt exzellent schmeckender Radieserl und einem Weckerl. Für die Wichtigeren (?) standen im oberen Rang Sektgläser bereit. Auch dies eine beziehungsreiche Sache.

Markus Thiel

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