Wäre er als „schwerer Pflegefall“ geendet? Diese These vertritt Oliver Hilmes in seinem neuen Buch über Ludwig II. (1845-1886), den er den „unzeitgemäßen König“ nennt.

Die vielen Seiten des Märchenkönigs

München - Oliver Hilmes und Christine Tauber beschäftigen sich in ihren Büchern mit Leben und Wirken Ludwigs II.

Mit der Hygiene nahm es Seine Majestät nicht so genau. Seine Wäsche wechselte der bayerische König kaum, von seinen Stiefeln trennte er sich auch höchst ungern. Nicht nur darüber mokierten sich seine Diener, sondern auch über Ludwigs Fressattacken und die „unappetitliche und ekelerregende Art des Speisens Seiner Majestät“. Unbotmäßige Minister wollte er am liebsten in Ketten legen. Von seinen Sekretären verlangte er aus den nichtigsten Anlässen kriecherische Entschuldigungsschreiben.

Für alle schwärmerischen Ludwig-Verehrer ist das Ludwig-Buch (das wievielte eigentlich?), das nun der Berliner Autor Oliver Hilmes vorgelegt hat, eine Zumutung. Hilmes zeichnet ein drastisches Persönlichkeitsbild des Königs. Man könnte auch sagen: Er verzeichnet Ludwig – dass er, wie es im Untertitel heißt, ein „Unzeitgemäßer“ war, ist noch eine Untertreibung. Was Hilmes detailreich ausbreitet, ist nicht neu – beileibe nicht. Die für lange Zeit ultimativen Studien dazu haben der Psychiater Heinz Häfner („Ein König wird beseitigt“, 2008) und der Historiker Rupert Hacker (in der Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, 2011) vorgelegt. Einzig neu bei Hilmes ist, dass er die seltsamen Persönlichkeitszüge Ludwigs zu den tragenden Gerüststangen seiner Biografie erklärt. Aber eine Biografie muss die Gesamtheit der Person ins Auge nehmen, sie am besten mit anderen Herrschergestalten des 19. Jahrhunderts vergleichen. Gehört nicht auch Ludwigs Politik dazu – und natürlich seine Bauten? Nichts von alledem bei Hilmes. Eine „umfassende“ Biografie, wie der Verlag rühmt, hat der Autor gewiss nicht vorgelegt. Kein Wunder, dass Peter Gauweiler, der sich in seiner Ludwig-Bewunderung nun aber auch wirklich von niemanden übertreffen lässt, Hilmes’ Buch in einer Besprechung („akademisch pinselige Ausführungen“) regelrecht verrissen hat.

Freilich lassen sich die Befunde von Hilmes schwerlich wegdiskutieren. Er stellt – nicht als Erster – die These auf, dass der König an der sogenannten Pick’schen Krankheit oder dem „Morbus Pick“ litt. Diese nach dem Prager Neurologen Arnold Pick genannte Krankheit zeichnet sich durch einen Gewebeschwund der vorderen Hirnpartien aus. Verhaltensauffälligkeiten und Enthemmungen gelten als typische Symptome. Der Münchner Neurologe Hans Förstl hat schon im Jahr 2007 auf die Pick’sche Krankheit und eine „schizotype Persönlichkeit“ getippt. Am Ende folgt eine schwere Demenz. Hilmes gibt noch eine Schippe drauf: „Wie hätte sich Ludwigs Geschichte weiterentwickelt, wenn er nicht im Juni 1886 um Leben gekommen wäre?“, fragt er. Und gibt gleich selbst die Antwort: Die Krankheit hätte „um 1890“ ihr Endstadium erreicht, Ludwig wäre wie sein Bruder Otto als „schwerer Pflegefall“ geendet.

Nun ja. Ludwigs Leben war reich an Bizarrerien, vieles ist bekannt, anderes weniger. Zum Beispiel dieser Plan, den Hilmes gleich in einem ganzen Kapitel ausbreitet („Königreich unter Palmen“): Um seine Träume eines absolutistischen Königtums zu verwirklichen, wollte der Monarch dem schönen Bayern den Rücken kehren und ein neues Reich nach seinen Vorstellungen gründen. Beamte schwärmten aus und nahmen schließlich die Kanaren ins Visier. Der Plan zerschlug sich bekanntlich und ist auch nicht so neu, wie ihn Hilmes verkaufen will. Literaturkenntnis schützt vor Neuentdeckungen – manchmal würde diese alte Historikerweisheit weiterführen.

Wie nur, fragt man sich am Ende, konnte dieser weltfremde Egozentriker und Menschenverächter Ludwig II. zum „Märchenkönig“ mutieren? Die Antwort findet man vielleicht in einem anderen Ludwig-Buch. Die Münchner Kunsthistorikerin Christine Tauber widmet sich Parks und Schlössern Ludwigs und breitet kenntnisreich und ohne Provokation die „Märchenwelt“ des Königs in ihrer ganzen Pracht aus. Das liest sich nun sehr brav und nervenschonend, aber auch ein wenig langweilig. Tauber ist die Anti-Hilmes. Doch das ideale Ludwig-Buch hat im Bücherjahr 2013 keiner der beiden vorgelegt.

Dirk Walter

Oliver Hilmes:

„Ludwig II. Der unzeitgemäße König“. Siedler Verlag, 448 Seiten; 24,99 Euro.

Christine Tauber:

„Ludwig II. Das phantastische Leben des Königs von Bayern“. C. H. Beck Verlag, 386 Seiten; 24,95 Euro.

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