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Winterfreuden: Eisstockschießen auf dem Nymphenburger Schlosskanal in München.

Neuerscheinung

Die vielen Seiten des Winters

Berlin - Bernd Brunner legt mit „Als die Winter noch Winter waren“ eine ausgezeichnet recherchierte Kulturgeschichte der kalten Jahreszeit vor. Lesen Sie hier unsere Buchkritik: 

Auch wenn die Schneedecke über Oberbayern derzeit einen anderen Eindruck erweckt – der klassische mitteleuropäische Winter ist durch den Klimawandel eine sterbende Jahreszeit. Richtig wehmütig kann einem da bei der Lektüre von Bernd Brunners „Als die Winter noch Winter waren“ werden. Er erzählt darin von Kälte, Eis, Frost, von Anekdotischem, Skurrilem, Wissenschaftlichem und Wissenswertem. Dank seiner beeindruckenden Rechercheleistung ist das Buch nicht weniger als die erste Kulturgeschichte des Winters.

Der Winter galt als lebensfeindliche Zeit

Wehmut ist aber das Gefühl, das die wenigsten der geschilderten Begebenheiten durchzieht, galt der Winter doch für Jahrhunderte als kalte, lichtlose, lebensfeindliche Jahreszeit – gegen die man sich schützen muss. Wie der Held von Nikolai Gogols Erzählung „Der Mantel“, ein russischer Beamter, dem sein nagelneuer Wintermantel gestohlen wird. Daraufhin erkrankt er an einer Halsentzündung, stirbt und geht als Untoter in St. Petersburg um. Besser hatte es da die russische Bauernfamilie, von der Brunner berichtet. Sie zog sich in einen menschlichen Winterschlaf zurück, um Energie und damit Nahrungsmittel zu sparen.

Das erste Wintersportopfer

Fast tödlich wäre der Urlaub ausgegangen, zu dem sich Schriftsteller Adalbert Stifter 1866 in den Bayerischen Wald zurückgezogen hat. Tagelanger Schneefall schloss ihn in einer Hütte ein. Stifter beschreibt die Naturgewalt schaudernd als „etwas furchtbares und großartig erhabenes“. Weniger erhaben war dagegen der Sturz der heiligen Lidwina von Schiedam. Sie brach sich um 1395 beim Eislaufen eine Rippe und gilt damit als erstes überliefertes Wintersportopfer.

Trotz der Risiken gehört der Sport zu den erfreulicheren Aspekten, die der Mensch dem Winter abgerungen hat. Archäologische Funde aus der Vorzeit zeigen, dass man sich schon damals mit Kufen übers Eis bewegte – nur waren sie nicht aus Metall, sondern aus Knochen.

Wintersport als Massenphänomen

Hochalpine Vergnügungen waren jedoch völlig unbekannt. Es brauchte noch fast 500 Jahre nach Lidwinas Sturz, um den Wintersport zum Massenphänomen zu machen. Der Schweizer Hotelier Johannes Badrutt bedauerte, dass sein Hotel im Winter leer stand. Deshalb kam er 1869 auf die Idee, seine vorrangig britischen Gäste mit dem Versprechen von sonnigen Tagen, Rodelwettbewerben und Skilanglauf in sein Etablissement zu locken. So entstand St. Moritz, das auch den Klimawandel dank Kunstschnee überleben wird.

Mehr als 5000 Schneeflocken-Fotografien 

Bitter wird es, wenn Brunner beschreibt, wie man heute versucht, Schnee durch Umhüllung mit Styropor oder Sägemehl zu konservieren, bis die nächsten Skifahrer kommen. Den unauffälligen, dafür um so größeren Schönheiten des Winters hat sich der US-amerikanische Farmer Wilson A. Bentley aus Vermont hingegeben. Er fing Schneeflocken in Winterstürmen mit einem Holzbrett auf, beförderte sie in seine eiskalte Scheune. Dort legte sie der Amateurfotograf unter ein mit einer Kamera verbundenes Mikroskop. Liebevoll schob er sie mit einer Vogelfeder in die optimale Position. So entstanden von 1885 bis 1931 mehr als 5000 Fotografien, die die Schönheit des innerhalb von Sekunden Vergänglichen festhalten.

Vielleicht rührt einen diese Geschichte deshalb so an, weil auch der Winter als solcher, der einst als böse, kalt, gefährlich galt, nun zart und hilfsbedürftig wirkt. Hoffen wir, dass, wie Brunner schreibt, das „letzte Wort noch nicht über ihn gesprochen ist“ und nicht nur sein ausgezeichnetes Buch von dieser Jahreszeit bleiben wird.

Informationen zum Buch:

Bernd Brunner: „Als die Winter noch Winter waren“. Galiani, Berlin, 240 Seiten; 18 Euro.

Albert Meisl

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