Vielsinnliche Sphären

- "La vérité´", vernimmt man zu Anfang bruchstückhaft im Gewirr der Instrumente. Und beginnt die Wahrheit in diesen bewegten Bildern zu suchen, in denen die Musik ein Mensch ist, der vertraute Klangspuren hinterlässt - und ein Geist, der diese wiederum in Anonymität verwischt.

"Wenn ich nicht irre, so äußerte sich der seltsame Geist der Gestirne nicht nur im physischen Lauf der Erde, sondern in der Seele, der Vorstellungs- und Gedankenwelt der Menschen", schreibt Edgar Allan Poe 1850 in seiner Schauerparabel "Schatten". 1996 greift der Komponist und Regisseur Heiner Goebbels diese Kurzgeschichte sowie Texte von Maurice Blanchot und Heiner Müller für das TAT Frankfurt auf und schafft, gemeinsam mit 18 Musikern des Ensemble Modern, eben dies: eine seltsame Sphäre für die Vorstellungs- und Gedankenwelt seines Publikums, ein vielstimmiges Musiker-Theater mit weit ins Vielsinnliche verschobenen Grenzen, "Schwarz auf Weiß". So auch beim Gastspiel im Münchner Prinzregententheater (Festspiel+, musica viva).

Auf der Bühne: Hinterhof-Begegnungen, Musiker-Grüppchen, die sich finden und lösen, Bläser, Streicher, Terzette, Quintette, mal rasant, mal entrückt, zwischen tonal und atonal, befreundet und befremdlich. Anspielungen gibt es viele, ob auf barocke Menuette oder Eisler-Balladen, Madrigale oder Free-Jazz-Jam-Sessions. Und dann, in die Stille hinein, die aufgezeichnete Stimme Heiner Müllers. In ausdrucksstarker Monotonie liest sie aus "Schatten", während sich um sie herum die passende Stimmung bildet, aus nackter, existenzieller Notwendigkeit und darin: Wahrheit, "la vérité´".

Das Ballspiel mit verstärkten Schlägern, das Kegelspiel mit Posaunendämpfern - alles wird zum rhythmischen Spuk. Manchmal sogar zum stummen Ritual, das über die Musikalität seiner Theatralität staunt. Es herrscht ein atemberaubend geordnetes Chaos zwischen den dreißig schwarzen Bänken, das dem Zuschauer meist den Rücken und stattdessen einem Schattenspieltor mit Papiersegeln sein Gesicht zuwendet. Metaphorisch eng an Poes Text gelehnt, lässt der Schatten auch auf Goebbels' Bühne irgendwann seine Verhüllung fallen, die Segel sinken und das geisterhafte Gegenüber zeigt sich im eindrucksvollen Gegenlicht. Und wenn zum Finale eine Sirenenkurbel wehmütig die japanische Koto-Zither bespielt - wen wundert es, dass Goebbels da auch noch den Preis zum Welttheatertag 2006 erhält.Teresa Grenzmann

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