48. Viennale: Der Straßenräuber

Wien - Das Wiener Filmfest feiert den Münchner Regisseur Klaus Lemke und ruft die „Wiedergeburt des deutschen Films“ aus

Nein, sagt Hans Hurch, dieser Abend sei nicht als „direkte Provokation“ Münchens gedacht. Und dann lächelt der Direktor des Wiener Filmfests Viennale jenes Lächeln, das jede Aussage im Ungefähren lässt. Der Abend ist ein besonderer, und das weiß Hurch natürlich: Das größte Filmfestival Österreichs, mit rund 95 000 Besuchern im vergangenen Jahr, feiert Klaus Lemke. Jenen Münchner Regisseur also, der zuletzt vom Filmfest seiner Heimatstadt stets konsequent ignoriert wurde. Mehr noch: Hurch („Es ist nie zu spät für diesen Mann und seine Filme.“) zeigt im ausverkauften Künstlerhaus nicht nur Lemkes Best-of-Zusammenschnitt „13 Mal Glück“ und den neuen München-Film „Schmutziger Süden“. Die Viennale überschreibt den Abend zudem mit „Die Wiedergeburt des deutschen Films“. Ist aber, bittschön, nun wirklich nicht als Provokation zu verstehen. Eh kloar.

Dann steht Lemke in den typischen Lemke-Arbeitsklamotten – Jeans, weißes T-Shirt, Schiebermütze – auf der Bühne und haut in dieselbe Kerbe: „Vielleicht wird das deutsche Kino ja hier gerettet. Das ist die letzte Chance.“

Es folgt ein Ritt durch den Lemke-Kosmos, höchst unterhaltsam und bedenkenswert. Am Zügel: Jener Mann, den die „FAZ“ kurz vor seinem 70. Geburtstag Anfang Oktober zur „Orakel-Weisheit“ des deutschen Films ausrief. Der Filmjournalist Tobias Kniebe navigiert dieses Orakel im Wiener Künstlerhaus behutsam.

Lemke zelebriert seinen Ruf als Straßenräuber und böser Bube des Geschäfts, watscht Kollegen wie Wim Wenders („Wusste immer alles, war furchtbar. Seine Filme musst du überstehen wie Masern.“) oder Fassbinder ab („Die späten Filme sind Kunstgewerbe.“), um sich gleich darauf zu wundern: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal so eine große Fresse haben darf.“ Er darf, weil keiner so unabhängig ist wie er. Lemke arbeitet seit 1992 ohne staatliche Förderung, verzichtet auf Schauspieler und auf Drehbücher. In Wien erklärt er, warum: „Wenn mich der Film nicht überrascht, überrascht er den Zuschauer auch nicht.“ Deshalb dreht er von Tag zu Tag – „und manchmal kommt die Geschichte von allein“. Bei regulären Filmen wisse selbst „der Dümmste“ schnell, wie es weitergeht. Bei Lemke-Filmen weiß es nicht mal der Regisseur.

Was Produzenten in den Wahnsinn treiben würde, kann er sich leisten, weil er sein eigener Herr ist: „Die Klaus-Lemke-Filmproduktion ist ein deutsches Traditionsunternehmen wie Porsche“, sagt er – beide würden ohne Subventionen auskommen: „Die meisten Leute, die Filme machen, verballern Staatsgelder. Film kostet heute aber eigentlich nichts mehr. Wenn man eine gute Idee hat, kann man auch mit dem Handy drehen.“

50 Euro bekommt jeder, der bei ihm mitarbeitet, am Tag – aus der Tasche des Regisseurs, der hofft, den fertigen Film an einen Sender verkaufen zu können. Dabei dreht Lemke mit Laien, die er auf der Straße anspricht. Oft werde behauptet, er schaue bei seinen Darstellerinnen zuerst auf den Busen. „Stimmt nicht. Mich interessiert die Art, wie die Leute reden.“ Und so sitzt er auf der Bühne, hat die Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen – und wer genau hinsieht, bemerkt, dass Lemke die meiste Zeit die Augen geschlossen hat, selbst jetzt nur auf die Stimmen der Fragenden hört. Wie wichtig ihm der Klang der Straße ist, den er durch die Arbeit mit Laien in die Filme bekommt, erklärt er am Beispiel von Wolfgang Fierek. Den entdeckte er in den Siebzigern, etablierte mit ihm und Cleo Kretschmer die Münchner Milieu-Komödien: „Ich habe zwei Jahre nicht verstanden, was er sagt. Den versteht man auch in München kaum. Aber man versteht das Herz, den Subtext dessen, was er erzählt.“ Allein darauf käme es an. Schauspiel-Profis seien nur nötig, „wenn man Shakespeare oder Goethe verfilmt – nicht aber, wenn man modernes Kino macht“.

Keine Frage, dass Lemke sich für die Zukunft des Kinos entschieden hat. Doch für den Regisseur gab es an diesem Abend auch ein Wiedersehen mit der Vergangenheit: In der Präsidentensuite des Hilton-Hotels, 15 Stockwerke über dem Wiener Stadtpark, traf er Rudolf Thome, der Ende der Sechziger ebenfalls zur Münchner Gruppe zählte. Jene halbstarken Typen mit Hang zum Alkohol und anderen Substanzen machten sich damals zum ersten Mal auf, das deutsche Kino wiederzubeleben und Filme, wie sie Howard Hawks in den USA oder Jean-Luc Godard in Frankreich machten, in Schwabing zu drehen. Thome, der 1969 Uschi Obermaier in „Rote Sonne“ als männermordenden Vamp zeigte, und Lemke hatten sich bis zu jenem Montag vierzig Jahre nicht gesehen. Während andere in dieser Zeit durch die (Film-)Institutionen marschierten, haben diese beiden ihr Außenseiter-Dasein kultiviert. „Andere Leute haben die größere Karriere gemacht“, sagt Lemke. „Wir hatten die besseren Mädchen.“

Michael Schleicher

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