Vier Jahre angeschrien

- Bei Queen Mum war's noch lustig gewesen. Man schrieb 1963, die Beatles waren junge Hupfer, und Frau Windsor begierig zu erfahren, was denn das für Wilde seien, deretwegen seit ein paar Monaten die Untertäninnen rudelweise umkippten. Man lud die Band ins Londoner Prince of Wales Theatre ein. Ein schmissiger Auftritt gipfelte in John Lennons viel zitierter Frechheit vorm letzten Stück "Twist And Shout": "Könnten die Leute auf den billigen Plätzen bitte mitklatschen? Der Rest von Ihnen klimpert einfach mit den Juwelen."

"Wir hatten Angst, jemand hätte auf ihn geschossen."

Paul McCartney über John Lennon

Man war putzig, ein bisschen ungezogen und kam damit super an. Nicht einmal drei Jahre später aber, während der Amerika-Tour der Beatles 1966, bot sich ein völlig anderes Bild. Einmal warf ein Zuschauer einen Feuerwerkskörper auf die Bühne. "Wir anderen schauten alle zu John rüber", erzählte Paul McCartney später. "Wir hatten Angst, jemand hätte auf ihn geschossen." Ihre Unbeschwertheit hatten sie da längst verloren.

Die 25 000 Fans ahnten am 29. August 1966 nichts davon, dass es das letzte Konzert der Beatles, ein historischer Moment, sein würde, als sie sich auf den Weg in das Baseball-Stadion Candlestick Park bei San Francisco machten. Stolze fünf Dollar hatten sie berappt, und nun standen sie in diesem kühlen, feuchten Abend und schrien sich die Seele aus dem Leib, als die Fab Four, umringt von einer Horde Beschützer, aus den Katakomben der "San Francisco Giants" ins Blitzlichtgewitter liefen.

Das Konzert dauerte bei gleichbleibend hohem Lärmpegel elf Songs, 33 Minuten. Während der ganzen Zeit stand vor der von Sicherheitskräften abgeriegelten Bühne eine gepanzerte Limousine mit laufendem Motor - man konnte ja nie wissen. Die Band spielte "Long Tall Sally", verbeugte sich, stürzte in den Wagen und brauste davon. In der Kabine soll George Harrison gesagt haben: "Das war's. Ich bin kein Beatle mehr."

Warum das alles? Nun, zunächst machte der schauderhafte Sound der Konzerte keinen Spaß mehr. Welcher Song da jeweils auf der Bühne gespielt wurde, das konnte man vor lauter Gekreische schon lange nur noch erahnen. Die Klänge, die sie auf ihre aktuelle LP "Revolver" gepresst hatten, konnten die Beatles live unmöglich reproduzieren.

Verdruss bereiteten der verwöhnten Truppe dazu noch ungewohnte Nackenschläge: Im Sommer 1966 hagelte es Reaktionen auf Lennons berühmte Äußerung in einem Interview, die christliche Religion sei auf dem absteigenden Ast: "Die Beatles sind heute populärer als Jesus." In den USA verbrannte man sogar Pilzkopf-Schallplatten. Eine völlig verkorkste Asien-Tournee nervte die Band zudem. In Manila hatten Sicherheitsleute die Entourage auf dem Flughafen vermöbelt, nachdem die Beatles eine Einladung von Diktator-Gattin Imelda Marcos ausgeschlagen hatten.

Fast zwangsläufig hatte so auch der Zusammenhalt der vier einen Knacks bekommen, was sich nach dem 29. August auswirkte: Die Beatles machten erst einmal drei Monate Urlaub - getrennt. Und es schien wenig später beinahe logisch, dass auf der nächsten LP "Sgt. Pepper's Lonely Heart Club Band" eine fiktive, wenn auch von ihnen selbst gespielte, Band die Beatles als Doppelgänger vertreten sollte. Das von der Außenwelt abgeschottete Aufnahmestudio und seine Möglichkeiten bekamen nun die volle Aufmerksamkeit der Musiker. Freilich war das Ende der Live-Band Beatles weniger dem Drang geschuldet, im Studio Revolutionäres zu schaffen, als einer zwangsläufigen Übersättigung: Vier Jahre von Halbwüchsigen angeschrien zu werden, hält das stärkste Nervenkostüm nicht aus.

Heute wirkt es so, als hätten die Beatles an diesem 29. August 1966 ihr Gruppengefühl zusammen mit ihren netten Show-Anzügen abgelegt und gegen einen Firmennamen eingetauscht. Aus einer Band notorisch vergnügter Freunde wurden zunehmend Konkurrenten - jeder verfolgte im Aufnahmestudio mehr noch als zuvor seine eigenen Ideen. Gerade in der Zeit freilich, als man sie nur noch auf Plattenhüllen zu Gesicht bekam, schufen sie ihre beste Musik. Nun, wo klar war: Beatle sein war kein Spaß mehr, sondern ein Beruf.

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