Vier Jahrzehnte Reichtum

- Sein kleines Reich liegt im ersten Stock, hinter einer Tür, die vom rechten Balkon-Foyer wegführt. Achtlos flaniert man da vorbei, nicht ahnend, dass sich auf den wenigen Quadratmetern mit Blick auf die Maximilianstraße Entscheidendes tut. Dort pauken die Sänger ihre Rollen, dort holt sich auch mancher Dirigent in Sachen Richard Wagner und Richard Strauss Rat.

Klaus von Wildemann, der Gebieter dieses Reichs, ist der beste Beweis: Für den Erfolg einer Opernaufführung garantieren nicht nur die Mitwirkenden im Rampenlicht. Seit 38 Jahren ist von Wildemann Korrepetitor an der Bayerischen Staatsoper. Einer also, der Partien einstudiert, der mit seiner immensen Erfahrung dafür sorgt, dass sich Sänger musikalisch sicher in ihren Rollen bewegen - und der ihnen manchmal auch als Seelentröster zur Seite steht. "Alle Größen der letzten vier Jahrzehnte waren bei mir, das sage ich in aller Bescheidenheit."

Doch jetzt ist Schluss. Zum Spielzeitende verlässt der 66-Jährige "sein Haus", das er hinter den Kulissen mitgeprägt hat. Nicht nur bei den Einstudierungen, sondern auch im Orchestergraben als Cembalo-Spieler oder als musikalischer Assistent - zum Beispiel bei Karl Böhm.

"Ich habe bei ihm beide Seiten kennengelernt", erinnert sich von Wildemann an den Berühmten, vor allem Berüchtigten. "Mit mir war er immer sehr nett. Wenn er überzeugt von einem war, gab's nix. Ich habe aber auch böse Szenen erlebt. Bei Sängern, die er nicht kannte, war Gefahr im Verzug."

Klaus von Wildemann, der gebürtige Ostpreuße, ist in Berlin aufgewachsen und dort auch musikalisch geprägt worden. "Das Musikleben war wahnsinnig reichhaltig dort. Das war mein eigentliches Studium. Lernen kann man ja viel an der Uni, viel wichtiger ist aber das Live-Erlebnis. Und den Jungen sag' ich immer: Nicht zu viele CDs hören! Lieber selbst alles erspüren lernen!"

Wandelndes Lehrbuch

Über die Stuttgarter Staatsoper kam von Wildemann 1968 schließlich nach München. Ein Haus, das ihn nie wieder losgelassen hat - wohl auch, weil er hier seine Frau kennengelernt hat. Besonders gern denkt er an die Zusammenarbeit mit Günther Rennert, von 1967 bis 1976 hier Intendant. "Er war als Mensch sehr angenehm. Und ich mochte ihn als Regisseur - er hat nie gegen die Musik inszeniert."

Bei Wolfgang Sawallischs Dirigaten fand von Wildemann die "Durchsichtigkeit" der Interpretation immer wieder faszinierend. Und dass Zubin Mehta an die Staatsoper kam, wertet er als "glückliche Fügung." Man habe sich "menschlich und musikalisch sehr gut verstanden".

In der Musikszene gilt Klaus von Wildemann als Experte für Wagner und Strauss. Stars, die vor einem großen Debüt stehen, suchen ihn auf. Aber auch bei auswärtigen Produktionen wollte man nicht auf ihn, auf dieses wandelnde Lehrbuch der Aufführungstradition, verzichten: In seinem Zimmer hängen zwei Plakate der Mailänder Scala, eines von einer "Elektra" mit Giuseppe Sinopoli, ein anderes von den "Meistersingern" mit Sawallisch.

Gerade die "Meistersinger" hält von Wildemann für eines der kniffligsten Werke, auch den "Tannhäuser", beides seien große Ensemblestücke. Auch Verdis "Falstaff" falle unter diese Kategorie: "Da muss alles wie eine Uhr laufen." Dass er nun in München aufhört, erfüllt Klaus von Wildemann offenbar kaum mit Wehmut: "Warum denn? Ich bin reich durch die vielen großen Künstler, mit denen ich arbeiten durfte."

Und einmal, immerhin, stand er auch im Graben. Vor einigen Tagen war das, als das Flugzeug mit Dirigent Fabio Luisi wegen des schlechten Wetters in Dresden nicht starten konnte, das Publikum auf Humperdincks "Königskinder" aber nicht zu lange warten sollte. "Eine Stunde vor Beginn wurde ich zur Krisensitzung ins Betriebsbüro geholt." Und bald stand fest: Klaus von Wildemann sollte anfangen. Gut 20 Minuten nach Beginn der Vorstellung traf Luisi ein, um während "laufender Fahrt" zu übernehmen. Schon schade, wie sich mancher an diesem Abend gedacht haben mag.

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