Im vierten Frühling

- Was ist heuer auf dem Grünen Hügel Sommergespräch? Die Nachfolgefrage? Schon längst nicht mehr, eher die jüngsten Taten des Prinzipals. Denn Wolfgang Wagner hat für die nächsten Projekte Regisseure verpflichtet, die bei Wagnerianern heftige Adrenalinstöße hervorrufen dürften: Christoph Schlingensief inszeniert 2004 "Parsifal", Christoph Marthaler 2005 "Tristan und Isolde", Lars von Trier 2006 den "Ring des Nibelungen". Erster im ambitionierten Quartett ist heuer Claus Guth (siehe Interview), dessen Inszenierung des "Fliegenden Holländer" am Freitag zum Start der 92. Festspiele Premiere hat.

<P>Neben dem "Holländer" sind bis 28. August "Tannhäuser" (Dirigent: Christian Thielemann, Regie: Philippe Arlaud), der "Ring" (Adam Fischer, Jürgen Flimm) sowie _ letztmals in Keith Warners Inszenierung und unter der Stabführung von Andrew Davis - "Lohengrin" im Programm. Selbstverständlich melden die Bayreuther Festspiele ausverkauft, wie üblich hätte man die zehnfache Menge der insgesamt 55 000 Tickets absetzen können. Wer 2003 erstmals Karten bestellt, muss sich daher auf eine Wartezeit von bis zu zehn Jahren einrichten - es sei denn, er wird Parteivorsitzender oder Ministerpräsident.</P><P>Die Situation ist "irgendwie irre"</P><P>Auch dies ist selbstverständlich: Komponisten-Enkel Wolfgang Wagner, der am 30. August seinen 84. Geburtstag feiert, denkt nicht ans Karriere-Ende. "Es ist meine Aufgabe, die Festspiele weiter zu stabilisieren", sagte er kürzlich. Sich einen Rücktrittstermin zu setzen, "wäre psychologisch völlig falsch". Offen bleibt auch, welche Rolle seine Tochter Katharina in der künftigen Festspiel-Organisation spielt. 2002 hat die heute 25-Jährige in Würzburg einen hoch achtbaren "Fliegenden Holländer" inszeniert, als Regie-Assistentin wird sie in Bayreuth weiterhin eng eingebunden.</P><P>Auch die Festspiele 2003 warten mit einer Reihe bemerkenswerter Neubesetzungen auf: John Tomlinson, weltweit Wotan vom Dienst, singt erstmals in seiner langen Karriere den Holländer. Seine Senta Adrienne Dugger (siehe Interview unten) ist neu in Bayreuth, Jaakko Ryhänen übernimmt den Daland, Endrik Wottrich den Erik. Für Tomlinson rückt nun Peter Klaveness als Hagen in den "Ring", Reinhard Hagen ist im "Lohengrin" als König Heinrich zu erleben, Judith Nemeth als Ortrud und John Wegner als Telramund.</P><P>Kollegen aus der Opernszene beäugen Wolfgang Wagners vierten bis fünften Frühling indes skeptisch, vor allem die Verpflichtung von PR-wirksamen Provokateuren und Opernneulingen à` la Schlingensief oder von Trier. Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins und Chef der Stuttgarter Oper, wertete die Situation als "irgendwie irre". Nun bestehe die Gefahr, "dass das, was dabei künstlerisch herauskommt, letztlich gedankenlos, konzeptionslos und ohne Vision" sei.</P>

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