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Tenor Lawrence Brownlee im Merkur-Interview mit Markus Thiel.

Interview mit Tenor Lawrence Brownlee

Vierzehn Länder fehlen noch

München - Tenor Lawrence Brownlee im Merkur-Interview über eine Wette, Soziale Medien und darüber, was Gospels mit Rossini zu tun haben.

Er ist der Mann für Rossini. Auch weil er dort, wo sich andere Tenöre mühen, in der vokalen Stratosphäre nämlich, erst richtig anfängt. Lawrence Brownlee, Jahrgang 1972, stammt aus Ohio, ist auf allen großen Bühnen der Welt unterwegs – und tut derzeit an der Bayerischen Staatsoper etwas (scheinbar) Frachfremdes: Er singt Mozart, und zwar den Ferrando in der Wiederaufnahme-Serie von „Così fan tutte“.

Wie groß ist der Schritt von Rossini zu Mozart?

Im Studium habe ich viel Mozart gesungen. Meine ersten Rollen waren Tamino und Ferrando. Als ich dann die Möglichkeit bekam, Rossini zu singen und damit Erfolg hatte, war er ab sofort mein Komponist. Jetzt kehre ich quasi zu Mozart zurück.

Ist Mozart einfacher, weil man sich nicht um extremistischen Dinge wie Dauer-Koloraturen und hohe Cs kümmern muss?

Oh nein. Da geht es um anderes. Ich hatte schon immer eine ganz gute hohe Lage, das hilft bei Rossini. Bei Mozart ist man als Sänger ziemlich ausgesetzt. Man hat nichts, hinter dem man sich verstecken kann. Und trotzdem muss man dabei diesen speziellen, scheinbar schlichten und einfachen Klang erzielen. Mein Lehrer sagte mir immer: „Singen funktioniert nur mit kühlem Kopf und heißem Herz.“

Sie haben früher viel Gospel gesungen und meinten einmal, das helfe bei Rossini.

Auch Gospels erfordern eine große Flexibilität und Geläufigkeit, auch eine gewisse Freiheit und Spontaneität im Umgang mit den Noten. Oft bewegt sich die Stimme bei Gospels um die eigentlich notierte Linie herum, man kann das schon Verzierung nennen. Bei Rossini sind die Ornamente ausgeschrieben. Die Kunst ist es, die so klingen zu lassen, als seien sie spontan.

Muss man für Belcanto auch ein Divo sein? Bei den Damen kommt so etwas ja häufiger vor...

In der Vergangenheit mögen viele eine Show abgezogen haben. Ich bin ein ganz normaler Typ. Einer, der sicher etwas tut, das man bewundern kann. Aber wenn ich ins Theater gehe, ist das auch ein Job. Ich fühle mich nicht als Star.

Sie sind auf Facebook und Twitter sehr aktiv. Ist das heute notwendig?

Ich glaube schon. Die Landschaft hat sich verändert. Wir Künstler sind dafür verantwortlich, auf die Öffentlichkeit zuzugehen. Gerade weil die Oper, überhaupt die ganze klassische Musik noch immer dieses Upper-Class-Image hat. Wir müssen an die Jungen rankommen. Und da bieten die Sozialen Medien tolle Möglichkeiten, die über das klassische Marketing hinausgehen. Letztlich geht es ja immer um die Weitergabe von Informationen. Früher klebten die an den Litfaßsäulen, heute liest man sie auf Facebook oder Instagram.

Haben Sie als Kind viel klassische Musik gehört?

Nein. Viel Gospel. Mein Vater leitete einen Chor, meine Mutter sang. Wie viele andere Kinder dachte ich immer: Opernsänger sind die Typen im Fernsehen, die in einer Sprache singen, die man nicht versteht und dabei solche Töne erzeugen, dass Glas zerspringt. Meine Eltern haben mich nie in diesen Beruf getrieben. Ich habe fünf Geschwister, die studierten zum Beispiel Medizin oder Wirtschaft… Ich wollte erst Jura studieren. Als ich zu meinen Eltern sagte, man habe mir geraten, meine Stimme ausbilden zu lassen, haben sie das sofort unterstützt. Wenn sie mich heute auf der Bühne erleben, meinen sie oft: „Wir wissen nicht genau, wie es dazu kam. Aber du wurdest geboren dafür.“

Sie unterrichten mittlerweile und geben Meisterklassen. In Ihrem Alter ist das eher ungewöhnlich.

Ich betrachte mich nicht als Meister von irgendetwas. Ich bin noch immer Gesangsstudent und lerne ständig, gerade weil ich große Kolleginnen und Kollegen live erleben und studieren kann. Es geht immer darum, wie man sein Potenzial möglichst effektiv nutzt – daran muss man ständig arbeiten. Und ich sage den jungen Sängern: „Es gibt eine Vielzahl hervorragender Solisten. Das Ziel ist aber, etwas Spezielles, Außerordentliches zu bringen.“ Und daran muss hart gearbeitet werden, das hat mit Talent nur bedingt zu tun. Diejenigen, die ganz oben sind, haben nicht unbedingt die technisch perfekteste Stimme. Da ist noch etwas anderes. Wahrhaftigkeit, das ganz individuelle Erfühlen einer Rolle, das Verständnis für den eigenen Körpers dabei...

Nervt es Sie eigentlich, wenn Sie auf Ihre afro-amerikanische Herkunft angesprochen werden und ob Sie benachteiligt wurden?

Nein. Ich verstehe das ja. Schließlich habe ich an vielen Theatern gesungen, wo die Menschen noch nie zuvor einen Schwarzen als Hauptrollen-Tenor erlebt haben. Die Situation bei den Damen ist anders, denken Sie nur an Leontyne Price, Martina Arroyo, Grace Bumbry, Jessye Norman… Ich habe nun die Möglichkeit, dieses Ungleichgewicht ein wenig zu verändern. Das macht mich stolz und sehr zufrieden.

Angeblich zählen Sie die Länder, in denen Sie waren und haben da eine Wette abgeschlossen.

(Lacht lange.) Das stimmt, mit einer Bekannten habe ich eine Art Wettkampf. Mit 50 wollen wir 50 Länder besucht haben. Jetzt bin ich 42 und habe 36. Zuletzt war ich inPolen, Slowenien und Liechtenstein…

-...zählt Bayern dazu?

Sie wissen genau, dass dies regelwidrig wäre.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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