+
„Mich reizen keine großen Hollywood-Produktionen“: Viggo Mortensen (56) kommt zum Filmfest.

"Herr der Ringe"-Star in München

Viggo Mortensen: Interview zum Filmfest-Start

Mit dem Western „Den Menschen so fern“ wird das Filmfest München eröffnet. Wir haben mit Hauptdarsteller und "Herr der Ringe"-Star Viggo Mortensen gesprochen.

Schauspieler, Dichter, Maler, Fotograf, Musiker: Viggo Mortensen ist ein Multitalent. Als Aragorn in der „Herr der Ringe“-Trilogie wurde der polyglotte, in New York geborene und in Argentinien aufgewachsene Sohn eines dänischen Geschäftsmannes zum Weltstar. Seitdem war er unter anderem in drei Filmen von David Cronenberg zu sehen: als abgründiger Familienvater in „A History of Violence“, als russischer Mafioso in „Eastern Promises“ und als Sigmund Freud in „Eine dunkle Begierde“. Morgen präsentiert er zur Eröffnung des Münchner Filmfests den preisgekrönten Maghreb-Western „Den Menschen so fern“. Wir trafen den ruhigen, unprätentiösen 56-Jährigen schon vorab beim Filmfestival von Marrakesch.

-Sie haben sich auf der Leinwand ziemlich rar gemacht. Wie suchen Sie Ihre Projekte aus?

Ich möchte Filme drehen, die ich mir auch in 20 Jahren noch gerne anschaue. Und ich suche stets nach neuen Herausforderungen – ich bin ganz scharf darauf, mit jedem Film etwas dazuzulernen. So wie bei „Den Menschen so fern“, wo ich als einsiedlerischer Lehrer in Algerien gezwungen war, Französisch und Arabisch zu sprechen. Eine solche Figur hatte ich zuvor noch nie gespielt. Sie erinnert mich an den von Anthony Hopkins verkörperten Butler in „Was vom Tage übrigblieb“: Anfangs gibt er wenig von sich preis, doch wenn er es schließlich tut, ist man tief bewegt.

-Der Film beeindruckt auch durch grandiose Landschaftsaufnahmen. Haben Sie im Atlasgebirge gedreht?

Ja, aber nicht in Algerien – das wäre zu riskant gewesen. Stattdessen sind wir auf die marokkanische Seite ausgewichen: Die Gegend ist besser erschlossen, die Bürokratie wirft einem weniger Knüppel zwischen die Beine, und weil dort schon seit Jahrzehnten viele Kinofilme gedreht werden, kann man auf versierte Filmteams zurückgreifen. Dass ich mit diesem Film nach Marokko zurückkehren und ihn in einer Freilichtaufführung vor Tausenden von Zuschauern auf dem Marktplatz von Marrakesch präsentieren durfte, war traumhaft.

-Es  geht in dem Film um eine ungewöhnliche Freundschaft.

Ja, um die Beziehung zweier Männer, die aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammen und  auf den ersten Blick kaum etwas gemeinsam haben. Durch diverse gefährliche Situationen werden sie zusammengeschweißt – und stellen fest, dass sie letztlich doch nicht so verschieden sind. Es ist  eine wunderbare Geschichte, die zeigt, wie wichtig es gerade in Krisenregionen ist, über  alle kulturellen oder religiösen Grenzen hinweg miteinander zu sprechen,  um  mehr  über die Menschen  zu erfahren, vor denen man angeblich Angst haben sollte. Wissen ist nicht nur Macht – Wissen ist auch ein möglicher Weg zur Freiheit. Davon handelt der Film.

-Er lässt allerdings einige Fragen offen.

Ich liebe das! Ich finde es toll, wenn man nach dem Kinobesuch das Bedürfnis hat, über das Gesehene zu diskutieren. Deshalb reizen mich in der Regel keine großen Hollywood-Produktionen, weil deren Investoren meist nicht bereit sind, Risiken einzugehen: Sie richten sich nach dem Massengeschmack und fabrizieren Filme nach irgendeiner Erfolgsformel – da bleibt kein Platz für Überraschungen oder offene Fragen. Bei Filmen, die einen niedrigen Etat haben, ist der Kampf um die Finanzierung zwar oft mühsamer, aber dafür hat man viel mehr künstlerische Freiheit und kann Ungewöhnliches wagen.

-Welchen Ihrer Filme mögen Sie am liebsten?

Schwer zu sagen. Einer meiner besten Filme ist sicher „A History of Violence“: ein nahezu perfekter Film noir, wie ich finde. Jedenfalls schafft es David Cronenberg immer wieder, das Beste aus mir herauszuholen – vielleicht, weil wir auf einer Wellenlänge sind. Wir mögen beide die gleichen Bücher und Filme und haben einen ähnlichen Humor. Das erleichtert die Zusammenarbeit ungemein. Ich habe viel von ihm gelernt, etwa die Bedeutung des Satzes „Weniger ist mehr“. Aus dem Drehbuch zu „A History of Violence“ haben wir rund ein Drittel der Dialoge gestrichen. David hat mir gezeigt, dass es besser ist, Dinge zu zeigen, anstatt sie auszusprechen – und sich auf das zu beschränken, was für die Geschichte essenziell ist.

-Manchmal handeln Sie aber offenbar nach dem Motto „Mehr ist mehr“: Sie sind dafür bekannt, sich akribisch auf Ihre Rollen vorzubereiten. Wie gehen Sie dabei vor?

Das hängt von den Anforderungen der jeweiligen Rolle ab – und von meinen eigenen Fähigkeiten. Für „Der Herr der Ringe“ musste ich mich beispielweise im Schwertkampf ausbilden lassen, um mich vor der Kamera nicht zu blamieren, und für „Den Menschen so fern“ musste ich Arabisch lernen. Eine Sache mache ich allerdings bei jeder Rolle: Ich stelle mir den Lebensweg meiner Filmfigur vor, von der Geburt bis zur ersten Drehbuchseite: Was ist dem Mann passiert, was hat ihn an- und umgetrieben? Auf diese Weise nähere ich mich all meinen Figuren.

-Lieben Sie es, Risiken einzugehen?

Na klar! Ich lebe gern wild und gefährlich: Gestern habe ich zu Hause noch höchstpersönlich ein Huhn auf kubanische Art zubereitet, mit Zitrone, Zwiebeln und Knoblauch – und heute stelle ich mich hier einer ganzen Horde von Journalisten! (Lacht.)

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

Vorstellungen: am 27.6., City 1; 1.7., Münchner Freiheit 1.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Am Freitagabend ist DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle aufgetreten. Hier lesen Sie die Konzert-Kritik.
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Schlechte Nachrichten für alle, die glauben, Chris de Burgh könne nur die Schnulze „Lady in Red“, das im Radio rauf und runter genudelt wird.
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Dieses Jahr findet die Comic Con in München statt. Zum ersten Mal kommt die Comic-Messe damit auch nach Bayern. Welche Stars kommen und wo sie stattfindet, erfahren Sie …
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei

Kommentare