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Werbung fürs Genie

München - „Das Künstlerhaus als Gesamtkunstwerk“: Die Münchner Villa Stuck zeigt „Im Tempel des Ich“.

Jetzt, wo sie da ist, merkt man erst, wie überfällig diese Ausstellung war: „Im Tempel des Ich“ heißt die höchst verdienstvolle Schau über „Das Künstlerhaus als Gesamtkunstwerk“. Rund 20 solcher Atelier-Paläste aus der Zeit zwischen 1800 und 1948 werden da vorgestellt. Und welches Museum wäre dafür besser geeignet als die Münchner Villa Stuck, die als erstes und prominentestes Künstlerhaus in Deutschland hier selbst zum größten Exponat wird.

Der Begriff Künstlerhaus meint dabei nicht Wohnstätten, die vom Geist einer Künstlerpersönlichkeit imprägniert sind wie etwa das Münterhaus in Murnau. Es geht vielmehr um Gebäude, die vom Künstler für ihn selbst als eigenständige Schöpfungen entworfen wurden; um Häuser also, in denen das Form-Konzept eines Künstlers Architektur und Innenarchitektur wird. Solche Ego-Tempel drücken nicht nur den spezifischen Charakter ihres Schöpfers aus, sondern sind tatsächlich Weihestätten, in denen ein individueller Gestaltungswille sich selbst feiert – und seinen universellen Anspruch bekundet. Ob sich darin ein latent totalitärer Zug offenbart, der Wunsch, die ganze Welt nach dem eigenen Muster zu prägen, sei dahingestellt.

Deutlich wird in der Ausstellung aber zweierlei: Dass diese effektvollen Häuser nebenbei auch der werbewirksamen Selbstinszenierung des Besitzers als Genie dienten. Und dass Künstlerhäuser oft umso reizvoller scheinen, je exzentrischer sie sind, weil in ihnen eine radikale Subjektivität materialisiert ist. Ein frühes Beispiel hierfür eröffnet die Schau: Das Londoner Haus des damaligen Star-Architekten John Soane (1753-1837). Wie inkrustiert wirken die Innenwände, die über und über mit antiken Porträtbüsten, Skulpturen und Ornamenten bestückt sind – als bekunde dieser Wegbereiter des Historismus so, dass er sich in die starre Austernschale überkommener Formmuster eingeschlossen hat. Überhaupt zeigt England, seinem Ruf als Heimat des Spleens entsprechend, ein besonders hohes Aufkommen an Künstlerhäusern. Der dortigen Arts-and-Crafts-Bewegung, Vorläuferin des Jugendstils, die Kunst, Leben, Handwerk und Natur vereinen wollte, entstammt die Idee des organisch-vollkommenen, dekorativ durchgestalteten Künstlerheims, die William Morris (1834-1896) mit seinem „Red House“ verwirklichen wollte.

Einen Extremfall stellt hingegen der berühmte „Merzbau“ des Dadaisten Kurt Schwitters dar, der seine Wohnung in Hannover ab 1923 peu à peu mit grotesk-kubischen Einbauten überwucherte. Fotos dieser nicht erhaltenen Dada-Höhle geben einen Eindruck davon, wie hier die verabsolutierte Idiosynkrasie unwillkürlich in ihr Gegenteil kippt und zum allgemeingültigen Ausdruck für das grell zersplitterte Bewusstsein und verrenkte Weltverhältnis des modernen Menschen wird. Eine echte Entdeckung ist schließlich der kaum bekannte „Kunsttempel“ (1926-1929) von Jutta und Johann Michael Bossard in der Lüneburger Heide. In dieser Atelier-Kultstätte geht das Faible des Künstlerpaares für nordische Mythologie mit expressionistischer Architektur eine bizarr-stimmige Verbindung ein.

Natürlich kann man Häuser nicht „ausstellen“, und das reale Raumerlebnis an Ort und Stelle lässt sich nicht simulieren. Trotzdem gelang der Kuratorin Margot Th. Brandlhuber eine sehr anregende, sorgfältige Präsentation, die alles andere ist als eine trockene Architekturausstellung. Wandhohe Fotos, Einrichtungsgegenstände aus den Häusern und einige Werke der jeweiligen Künstler sorgen zumindest für vage atmosphärische Andeutungen. Schade nur, dass das wildeste „Künstlerhaus“ des Fin de siècle nicht ganz den Kriterien der Schau entspricht und darum fehlt: Schloss Neuschwanstein nämlich.

Alexander Altmann

Bis 2. März 2014,

Di. bis So. 10 bis 18 Uhr, Fr. 10 bis 21 Uhr. Prinzregentenstraße 60; am ersten Freitag im Monat von 18 bis 22 Uhr Eintritt frei.

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