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Emile Gallés ausgeflippte Naturfantasie „Coupe vide“ (um 1880/90) ist emaillierte und vergoldete Fayence.

Villa Stuck zeigt Meisterwerke aus Münchner Privatbesitz

München - Das Museum Villa Stuck präsentiert eine neue Ausstellung. Ein Expertenteam um Kuratorin Margot Brandlhuber hat sich darangemacht, Schätze aus privaten Sammlungen zu heben.

Frank Hazenplug schuf 1896 „The Black Lady“ als Plakat für die Zeitschrift „The Chap Book“ (Ausschnitt).

Die große Schau „Die Jugend der Moderne. Art Nouveau und Jugendstil – Meisterwerke aus Münchner Privatbesitz“ bietet in der Tat Exquisites von Belgien bis Wien, von den USA bis Skandinavien. Vor allem im kunsthandwerklichen Bereich machen raffinierteste Keramik-, Porzellan- oder Emailletechniken staunen. Bei der Kunst kann die Stuck-Villa mit Toulouse-Lautrec und Bonnard in der Spitzenklasse punkten, interessant sind genauso die eher unbekannten Maler und Bildhauer, weil mit ihnen erst die „Stimmung“ des Jugendstils spürbar wird. So war es klug und folgerichtig, diese Künste nicht säuberlich zu trennen, sondern sozusagen im Orchesterklang zu präsentieren. Das ermöglicht dem Betrachter ein spannungsvolles Schauen. Zu Beginn des Rundgangs im Atelier-Trakt kommen sogar Spiegel zum Einsatz. So sieht man auf einen Blick: die bewegende Figur „Knieender Jüngling“ (1900) von Georges Minne, neben anderen Keramiken Pierre-Adrien Dalpayrats Steinzeug-Gefäß mit zwei – vollplastischen! – Panthern, die sich fauchend bekämpfen (1894), Paul Elie Ransons Lithografie eines Tigers im Dschungel (1893), in seiner Auflösung sagenhaft modern, und Gustav Max Stevens’ symbolistisches Gemälde „Mädchen mit Rodins Skulptur ,Gefallene Karyatide einen Stein tragend‘ “ (1896). Hier im Parterre sind die Werke aus Frankreich und Belgien zusammengefasst. Auf der Galerie gibt es einen kleinen Streifzug durch Skandinavien, die USA und die Niederlande inklusive der Buchgestaltung der Zeit. Im obersten Geschoss steht der Münchner Jugendstil im Mittelpunkt, daneben deutsche Werke und die österreichisch-ungarischen. Dass derart viel Hochkarätiges in den privaten Sammlungen landete, ist der Anti-Haltung der Besitzer in den 1960er-Jahren zu verdanken. Sie hatten damals den richtigen Riecher und kauften Jugendstil, als der noch belächelt wurde, erzählt Brandlhuber. Die Preise waren moderat, obwohl es in London, München und New York schon Ende der Fünfziger große Jugendstil-Ausstellungen gegeben hatte. Der breite Konsens war damals allerdings eher: Das Schnörkelzeug ist Kitsch. Erst die andere Anti-Haltung der Hippie-/Flower-Power-Bewegung genoss wieder die bewegte Linie, trieb sie weiter bis zu psychedelischen Bildern. In Amerika sprach man vom „Art Nouveau Revival“. Die Münchner waren um 1900 die energischsten Jugendstil-Könner. Ob im Kerzenständer, ob im Sessel, ob im Gemälde, man bemerkt in allem eine enorme Dynamik. Die zielt nicht schlicht auf eine neue Kunst, ein anderes Design, die zielt vielmehr auf ein neues Leben. Am besten ablesen lässt sich das an den Umschlagillustrationen der Zeitschrift „Jugend“; nach ihr wurde der Stil in Deutschland auch benannt. Immer wieder feiert sie die jungen, schönen, ungenierten Menschen, die die alten, verknöcherten Vertreter der patriarchalischen Gesellschaft verlachen, sogar mit der Rattenfänger-Pfeife aus der Stadt locken. Darum spielt beim Jugendstil die Satire eine große Rolle, die Natur, die Freiheit verspricht, und die Frau, die unterdrückt ist, aber dennoch der Natur, dem Ursprung – so die damalige Vorstellung – näher. Jugendstil bedeutet zugleich, dass Riemerschmid elegante und praktische Möbel entwirft, dass man aber auch „unnützen“ Spaß haben darf mit einem fiesen Luzifer als Groß-Feuerzeug, und dass man das Bodenständig-Bäuerliche nicht vergisst wie etwa beim Steinzeug der Keramischen Werkstätten München-Herrsching. Bis 23. Januar 2011, Katalog (Arnoldsche): 45 Euro; Tel. 089/ 45 55 510.

Simone Dattenberger

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