Virtuelles Kaminfeuer

- Wie üblich. Wie banal. Wie einfallslos. Warum muss Architekturkritik immer mit diesen Begriffen operieren, seufzt man beim Anblick der neuen Münchner Maximilianhöfe. Wunderbar zunächst der Gedanke, dass sich der Marstallplatz wieder als Stadt-Raum fügen, dass eine Investorengruppe dem Nationaltheater ein Proben- und Betriebsgebäude hinstellen würde, ohne die Staatskasse zu belasten. Dafür bekam der Bauherr kräftiges Baurecht und durfte Büros und Läden hinklotzen. All das ist nun aus einer riesigen Baugrube zur Realität herangewachsen - und es fallen einem wieder nur die obigen Begriffe ein.

<P>An der Maximilianstraße selbst schreit der nachgemachte Bürklein-Bau (es gab nur noch Reste vom Original) das allgemeine Misstrauen gegen die zeitgenössische Baukunst heraus. Man traut ihr einfach nicht zu, ein modernes Haus sensibel in diesen von König Max II. als Einheit gewünschten Straßenzug zu integrieren. Schaut der Flaneur hinter die 19.-Jahrhundert-Kulisse, muss er gestehen, dass das Misstrauen berechtigt ist. Die Hinterfront des "Altbaus", Proben- sowie Bürohaus der Berliner Architekten Gewers, Kühn und Kühn enttäuschen zutiefst. Vielfach wurde befürchtet, die Baumassen seien zu groß.</P><P>Dieses Problem wurde gelöst, indem insbesondere der Bürokasten aus Glas mit schwarzem Rahmenraster möglichst versteckt wurde. Es sind immer nur Eckchen zu sehen, das Übrige ist je nach Standpunkt durch Marstall, Bürklein-Ladenzeile oder Probengebäude verdeckt. Das bedeutet aber auch: Die schöne historische Säulenhalle, die trotz Riesen-Baugetümmel erhalten wurde, ist damit ebenfalls verschwunden. Nur wer das dort angesiedelte Restaurant betritt, kann die Halle genießen (wenn auch durchs Interieur teilweise getrübt). Von außen sind - trotz Glasfassade - gerade mal Rundbögen schemenhaft zu erkennen.</P><P>Schlimmer noch als dieser Zimmer-Container, der ästhetisch eigentlich gar nichts sein will, ist der Probenbau, weil er etwas sein will. Die Berliner Baumeister aktivierten den 80er-Jahre-Schick mit Metallic-Silber, abgerundeten Ecken, sinnlosen Ausfaltungen, wirrer Fensterformation und einer breiten Glas-Bauchbinde. Sie wölbt sich in den Marstallplatz und wird auf den Bautafeln als "interaktive Leuchtwand" angepriesen.</P><P>Dicke Bauchbinde</P><P>Die Akustik im Innern soll hier Lichtspiele, nämlich "ein virtuelles Kaminfeuer", entfachen. Show-Effekte also, die von der Architektur ablenken sollen. Genauso die Spiegelungen. Dankbar nimmt das Auge die Reflexion von Klenzes Marstall wahr, belebt sie doch die Ödnis der Glasscheiben. Vollends ins Stottern gerät das bauliche Vokabular da, wo sich an einem Durchgang "Altbau" und Probenhaus einander zuwenden sollten. Es gibt nur unangenehmes Formen-Gehampel, keinen klaren Gestus.</P><P>Bedrückend bei all dem die Verzagtheit der Architektur, die sich selbst nicht mehr als Kunst, sondern nur als oberflächliche Dienstleistung an Investoren versteht. Trauriger noch ist jedoch, dass die Verantwortlichen bei Staat und Stadt, dass die Fachgremien solch eine Lieblosigkeit im Herzen Münchens zugelassen haben. Die Maximilianhöfe besitzen weder Eleganz noch spenden sie urbanes Kuschelgefühl.</P>

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