Virtuoses in Kriegszeiten

- Vielleicht sieht so das Paradies aus. "Ein winziges Tal mit kaum mehr als fünf Millionen Seelen" ist es, "reich an Ressourcen, arm an Barem". Hoch oben in den Bergen klebt Kaschmir "wie ein leckeres, grünes Bonbon zwischen den Zähnen eines Riesen". Pech ist nur, dass gleich zwei Giganten daran lutschen wollen: Pakistan, dessen Muslime nach dem Landstrich gieren. Und Indien, dessen hinduistische Glaubenskonkurrenz auf das Hochtal kaum verzichten mag. 1949, nach dem Krieg, kam's zur Teilung, 1965 folgte der zweite Krieg, der Rest: siehe Geschichtsbücher.

Unglückliche Liebe mit tödlichem Finale

Denn in diesem Roman mag zwar der blutige Dauer-Konflikt eine (Haupt-)Rolle spielen. Aber man ist ja bei Salman Rushdie, dem großen Erzähler, der seine schillernden Geschichten stets nur mühsam zwischen die Buchdeckel pressen kann. Auch in "Shalimar der Narr" bleibt Rushdie seinem alten Thema treu: dem konfliktreichen Brückenschlag zwischen Ost und West, dessen Auswirkungen sich eben nicht nur in der hohen Politik, sondern stets auch in den Schicksalen des gemeinen Volks spiegeln. Und es scheint, als wolle sich Rushdie mit dem aktuellen Buch auf seine Anfänge und Stärken besinnen. Hatte er sich mit seinem vorherigen Werk "Der Boden unter ihren Füßen" an einer amerikanischen Rock-Story verhoben, ist er jetzt auf den indischen Subkontinent zurückgekehrt.

Es ist eine klassische, gleichwohl erweiterte Dreiecksgeschichte. Sie erzählt von zwei Kaschmiris, der Tänzerin Boonyi und Shalimar, dem Hochseilkünstler. Was wie eine Idealliebe aussieht, wird durch den US-Botschafter in Indien mit dem beziehungsreichen, gleichwohl hier bedeutungslosen Namen Max Ophuls gestört. Denn Boonyi wittert die Chance, ihr Kaschmir-Nest verlassen zu können.

Sie geht mit dem verheirateten Max, bekommt von ihm ein Kind, die Beziehung zerbricht, und sie kehrt frustriert, fettleibig und geistesverwirrt ins umkämpfte "Paradies" zurück. Das Kind bleibt zunächst bei Max' Gattin, zieht später mit dem Vater in die USA. Shalimar schwört blutige Rache. Und mit der Ermordung von Ophuls vor den Augen seiner Tochter hebt der Roman auch an, dessen Beziehungsgeflecht rückschauend aufgerollt wird.

Virtuos bewegt sich Salman Rushdie in verschiedenen Welten. Das dekadente Leben Kaliforniens ist Zielscheibe seines Spotts. Und da Ophuls aus Straßburg stammt, im französischen Widerstand operierte, befasst sich der Autor ausgiebig mit der Nazi-Zeit. Aber in seinem Element ist Rushdie, wenn er mit wohlinszenierter Geschwätzigkeit von den kaschmirischen Gebräuchen berichtet. Vor allem von den beiden, in herzlicher Konkurrenz verbundenen Dörfern Pachigam und Shirmal, deren "Krieg der Töpfe" ums beste Koch-Gelage noch harmlos ist gegenüber den heraufdämmernden Kämpfen.

Sehr gewagt lässt Rushdie seine Geschichte mäandern, verweilt gern an dem einen und anderen Nebenschauplatz, befasst sich mit immer neuen Anekdoten, Figuren und Mythen. Humorvoll ist das, zynisch, lakonisch, manchmal, wie in der Kritik am indischen Vorgehen in Kaschmir, hochmoralisch und nicht mehr aus ästhetischer Distanz geschrieben. Zuweilen aber auch verwirrend. Denn erst allmählich "beruhigt" sich dieses Buch. Doch je mehr Rushdie seine Einfälle kanalisiert, desto stereotyper wird der Roman, bis er schließlich in einen klassischen Krimi mündet.

Wo liegen also die Wurzeln von fanatischen Hass-Ideologien? Diese Frage treibt Rushdie hier um, der ja 1989 nach seinen "Satanischen Versen" von radikalen Eiferern für vogelfrei erklärt wurde. Das Problem ist nur, dass er auf seiner Ursachensuche zu viele Problemfelder recht durchsichtig bedient. Und dass die tödliche Wut Shalimars, der sich radikalen Kämpfern anschließt, nur mit einer Liebesgeschichte begründet wird, erscheint angesichts angetippter Themen wie Al Khaida und 11. September dann doch gewagt.

Immerhin: Rushdies Stärke ist, dass er nicht von Kriegen und Konflikten als abstrakten Größen berichtet, sondern ihnen Gesichter gibt: Schicksale, die sich über Jahrzehnte und Kontinente hinweg entwickeln. Lesenswert ist dabei sein unvergleichlicher Erfindungsreichtum und seine Fabulierlust. Spürbar ist aber auch, dass Rushdie hier den großen, weltgeschichtlichen, politischen, aktuellen Roman stemmen wollte - und den Kraftakt letztlich nicht schafft. Ob's nicht, wie früher, auch eine Nummer kleiner, poetischer gegangen wäre?

Salman Rushdie: "Shalimar der Narr". Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Rowohlt Verlag, Reinbek, 542 Seiten; 22,90 Euro. Der Autor ist am kommenden Sonntag, 11 Uhr, zu Gast in den Münchner Kammerspielen.

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