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Édouard Vuillards Blatt „L’avenue“ (um 1899) stammt aus der Serie „Paysages und intérieurs“.

Pinakothek der Moderne

Visuelle Schnitzeljagd

München - Die Graphische Sammlung zeigt in der Pinakothek der Moderne „Édouard Vuillard – Blick in die Lithowerkstatt“.

Édouard Vuillard (1868 – 1840) gehört (bis heute) zu den stillen Künstlern. Jedes Mal indes, wenn man seinen Werken begegnet, ist man von Neuem fasziniert: von der unverschämten Modernität, an die sich der Künstler sozusagen in aller Stille herantraute. Wenn der Betrachter zum Beispiel die Auflösung von Raum und Figur in Farben, Mustern und Flächen oder in aufstiebenden Strich-Explosionen anschaut, dann erkennt er darin die Sprache der Moderne vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei hat der Maler aus dem Burgund, der zum echten Pariser wurde, nie seine Zeit, sein soziales Umfeld und die kulturellen Einflüsse verleugnet. Das kann der Besucher der Pinakothek der Moderne jetzt in der kleinen, sehr feinen Ausstellung „Édouard Vuillard – Einblicke in die Lithowerkstatt“ der Staatlichen Graphischen Sammlung München selbst erleben.

Der scheidende Direktor Michael Semff weist aus diesem Anlass auf zwei Glücksfälle hin. Zum einen auf das Wunder, dass die Sammlung heute überhaupt einen stattlichen Bestand an französischen Blättern beherbergt. Denn im Bombenkrieg 1944 wurden er wie auch die Bibliothek komplett vernichtet. Aber „das Interesse an den ,Nabis‘ ist nie abgerissen“. Und zu dieser Gruppe der „Propheten“ von 1889/90 gehörte auch Vuillard. Zum anderen gibt es den Glücksfall, dass nun eine Schenkung mit Probedrucken von einem Mitglied des Freundeskreises an die Graphische Sammlung ging. Deswegen war es für Kurator Andreas Strobl möglich, uns eine spezielle Phase im Schaffen Édouard Vuillards rund, eingängig und anschaulich zu präsentieren: die Zeit von 1893 bis 1899, als er sich mit Lithografie beschäftigte.

Dieses Verfahren war damals die optimale Technik, massenhaft preisgünstig zu drucken. Gezeichnet wurde auf Stein. Künstler und Handwerker nutzten die Eigenschaft, dass sich Fett und Wasser abstoßen. So konnte auf die Platte gezeichnet und mit ihr gedruckt werden. In der Schau steht eine Handpresse mit bemaltem Stein, in einer Vitrine sind diverse Druck-Utensilien ausgestellt. Jeden Samstag um 15 Uhr wird vorgeführt, wie die Zauberei Lithografie tatsächlich funktioniert.

Die musste sich natürlich auch Vuillard aneignen, der von Freunden und Verlegern um solche Werke gebeten wurde. Strobl bietet als Einstieg in die Schau Zeichnungen des Franzosen, die seine Sensitivität schildern und seinen Mut, ins Abstrahieren vorzustoßen. Er mag es, wenn das Bild oszilliert zwischen „lesbar“, „rätselhaft“ und „ungegenständlich“ – oder doch nicht? Eine visuelle Schnitzeljagd bot Vuillard schon recht gern. Aber eigentlich ist es egal, ob man die Puppen des Figurentheaters in „Tuilerien“ oder das Baby in „Geburt Annettes“ entdeckt. Die Anmut der Bilder, gepaart mit einer entschlossenen Modernität, teilt sich so oder so mit. Und zwar besonders spannend in dieser Ausstellung, weil sogar zum Teil Vorskizzen, aber vor allem Probedrucke, beispielsweise mit Farbvarianten oder mit händischen Korrekturen des Künstlers, von der Arbeitsweise erzählen.

Vuillard musste sich selbst auf das Druckmedium einstimmen. Frühe Blätter tasten sich von der „normalen“ Zeichnung zu gewagten Dunkeleffekten vor. Dann erst tritt die Farbe dazu, die er präzise taxiert und delikat einsetzt. Immer wieder erforscht er auch Leerstellen oder, ganz konträr, Strukturen, die wie Tarnnetze über allem liegen, insbesondere bei Innenräumen. All das wird in der Reihe „Paysages et intérieurs“ zu Traumbildern.

Simone Dattenberger

Bis 28. Juni,

Mo.–So. 10–18 Uhr, Katalog, Deutscher Kunstverlag: 24 Euro; freier Eintritt am Allianz-Mittwoch.

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