Vivaldi - und sonst nichts

- Strawinsky wird die Bemerkung über den Kollegen zugeschrieben, Vivaldi habe eigentlich nur ein einziges Konzert geschrieben, dieses dafür mehrere hundert Mal. Beim Konzert des Venice Baroque Orchestra im Herkulessaal präsentierte das Spezial-Ensemble für historische Aufführungspraxis unter seinem Leiter Andrea Marcon eine Auswahl von acht Konzerten aus diesem riesigen Fundus: Vivaldi und sonst nichts, dazu auch noch alles in reiner Streicher-Besetzung - Gründe genug für Garstiges à la Strawinsky?

<P>Das erste Stück, die Sinfonia C-Dur RV 717, schien dahingehende Befürchtungen noch nicht vollständig auszuräumen: Der zarte, fast tastende Zugriff der 13 Musiker zeugte von Sensibilität und Präzision, blieb im großen Saal aber fast zu leise und verhinderte nicht einen gewissen Eindruck Vivaldi'scher Floskelhaftigkeit. Schon mit dem zweiten Stück aber, dem Concerto für Streicher RV 156, wurde schlagartig klar, was den "Prete rosso", den rotschopfigen Priester Vivaldi, zu einem der wichtigsten Komponisten im 18. Jahrhundert machte und worin seine Faszination etwa auf Zeitgenossen wie Johann Sebastian Bach bestanden haben muss.</P><P>In dunkler g-moll-Glut fielen im Kopfsatz die Seufzer-Motive der Violinen herab, leidenschaftliche Dissonanzen schärften das Klangbild _ das war Barock-Musik im besten Sinne, mit all ihrer Kompromisslosigkeit, ihren Chiaroscuro-Effekten, ihrer Theatralik. Als dann der Geiger Giuliano Carmignola zu dem solchermaßen eingeschwungenen Ensemble trat, konnten sich die Temperamente potenzieren. Carmignolas Geigenton: ein Naturlaut, leuchtend wie Vogelgesang, manchmal aufgeraut bis an die Grenze zur Häßlichkeit, aber gerade dadurch Träger unbedingter Expressivität. Trotz schwieriger Intonation ließ seine Interpretation dreier Violinkonzerte Vivaldis ob ihrer vitalen Kühnheit den Atem stocken.</P>

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