Ein völlig neues Nagano-Gefühl

- Während seiner achtjährigen Amtszeit hat Zubin Mehta einen Bogen um das Werk gemacht. Doch ab sofort ist Richard Wagners "Parsifal" wieder Chefsache ­ und für Generalmusikdirektor Kent Nagano zugleich ein weiterer Vorstoß ins Kernrepertoire der Bayerischen Staatsoper. Eine Wiederaufnahme, fast komplett neu besetzt, die riesige Erwartungen weckte: Wie würde der kühle Analytiker einem der Münchner Hausgötter begegnen?

Mit einem gewissen Fremdeln, zumindest im ersten Akt. Da hatte man noch um die Aufführung gefürchtet. Denn statt weit gespannter Linien gab‘s im Vorspiel nur buchstabierte Phrasen, später folgten sprunghafte Tempowechsel und unstete Passagen, die Sänger schienen irritiert und klebten an Naganos Taktstock.

Doch ab der ersten Verwandlungsmusik, die der Opernchef fast wild entäußert dirigierte, gab sich das. Ein völlig neues Nagano-Gefühl: Noch nie hatte man ihn hier so emotional erlebt, sich einer Partitur derart ausliefernd. Es war die perfekte musikalische Symbiose. Die Musiker, teilweise jahrzehntelang mit dem "Parsifal" befasst, brachten ihren Erfahrungsschatz ein, vor allem die charakteristische "Tinta" ihres geerdeten, sämigen Wagner-Sounds. Nagano ging darauf ein, nutzte dieses Potenzial für eine penibel abgestufte, die Substanz des Werks klug freilegende Interpretation. Sehr schnell war Nagano, doch nie gehetzt. Und wer früher im dritten Akt über Längen klagte, sah sich plötzlich 70 Minuten Hochspannung ausgesetzt.

Es war wie eine Zweitpremiere von Peter Konwitschnys zwölf Jahre alter Inszenierung, die fern aller Moden den "Parsifal" als brennend heutiges, auch schwebeleichtes, sehr menschliches Geschehen erzählt. Manchmal schien es gar so, als ob die Produktion erst jetzt, in dieser Besetzung, ihre Erfüllung findet. Mit Nikolai Schukoff in der Titelrolle etwa, der als Typ Konwitschnys Messias-Anspielungen überdeutlich verkörpert. Ein Sänger aber auch, bei dem das quirlige, teeniehafte Spiel so gar nicht zur Stimme passen mag. Schukoff kann mit baritonalem Tenor zwar attackieren, in lyrischen Momenten entspannt und textgenau sein. Doch fehlt ihm (noch?) der Obertonglanz, der seine Stimme nicht nur im Forte mühelos tragen lässt.

Einen starken Abend hatte, abgesehen von getricksten Höhen, John Tomlinson. Anders als Kollegen, die den Gurnemanz als balsamisches Väterchen begreifen, zeigt und singt Tomlinson wirklich, wie innerlich beteiligt dieser gealterte Gralsritter am Projekt Parsifal ist. Im dritten Akt, den Tomlinson dominierte, gelangen dabei Momente, die selbst abgebrühte Wagnerianer tief bewegt haben dürften.

Problematisch die übrigen Besetzungen. Für Martin Gantner, diesen liedhaften Gestalter, liegt der Amfortas leider zu tief, Luana DeVols gebremste, undramatische, oft flackernde Kundry zielte am Rollenbild vorbei, Hartmut Welker (Klingsor) beließ es bei routinierter Expressivität. Das Publikum blieb gnädig und feierte die Aufführung ausgiebig ­ Premierenstimmung mitten im Repertoiregeschäft.

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