Vogel der Legende

- Chaos herrscht am Anfang. Und hat Fernando Ruhe und Ordnung in seinem Inneren wieder einigermaßen hergestellt, bricht erneut ein Durcheinander über ihn herein. Mit einem solchen Wechselspiel hatte der Brasilianer Fernando nicht gerechnet, als er seine Heimatstadt Belé´m verließ, um seiner deutschen Geliebten nach Halle zu folgen. Seine Stelle am Belé´mer Konservatorium hat er aufgegeben, um für ungewisse Zeit am Hallenser Opernhaus Chordirektionsassistent und Bühnenkapellmeister zu werden. Und um mehrfach von vorn zu beginnen. Schließlich die gewaltige Zäsur, als Fernando gerade seine große Komposition abgeschlossen hat: das Zugunglück in Eschede, das er als Schwerverletzter überlebt.

<P><BR>Es sind vier Motive, die dem Musiker Fernando immer wieder den Weg weisen und Frido Manns neuen Roman "Nachthorn" strukturieren: der glockenhelle Ruf des Vogels Uirapurú´. Damit er der Familie nach der Legende Glück in der Liebe und im Gesang bringe, hat der Großvater einst einen erlegt. Das mütterliche Pendant dazu findet der Orgelexperte Fernando in seinem Lieblings-Pedalregister "Nachthorn". Beide Klänge empfindet er als Schicksalsruf: Meist locken sie in die Fremde. Durch diese begleitet ihn als drittes Thema die Sorge um die wertvolle Orgel seiner Heimatstadt. Sie soll in Frankreich restauriert werden. Dann ist da noch Haydns "Schöpfung"; Fernando komponiert ihre Fortsetzung. Ihre Auflösung im Chaos der heutigen, seiner Welt. Und schafft damit paradoxerweise ein wenig der scheinbar unmöglichen Ordnung in seinem eigenen Leben. </P><P>Fernandos Lebensmotive sorgen dafür, dass seine beiden Welten nicht schroff kontrastieren, sondern immer eine enge, wenn auch manchmal disharmonische Bindung eingehen. Sie leiten über, erinnern bei der Fortsetzung eines Erzählstrangs an das Vorangegangene und stellen Vertrautheit her. Frido Mann verkünstelt sie jedoch nicht, er lässt sie dem Lauf dieses Musikerlebens entspringen. Doch die Sorgfalt gegenüber den Motiven fordert ihren Tribut: Nie legen die Figuren ihre Blässe, legt die Sprache ihre Monotonie ab. Dennoch gelingt es Mann mit leisem Humor und ohne Angst vor den Plattenbauten Ostdeutschlands oder der beklemmenden Wandlung der Heimat, das unbedeutende Chaos dieses Brasilianers zu einer kleinen Schöpfungsgeschichte zu formen, in der sich die Konflikte dieser Welt spiegeln.</P><P>Frido Mann: "Nachthorn"<BR>Nymphenburger Verlag, München<BR>384 Seiten, 22,90 Euro. </P><P><P>Das Buch über unseren Partner amazon.de bestellen: <BR> Frido Mann: "Nachthorn" </P><P><BR><BR>Der Autor liest heute, 06.03., um 20.30 Uhr bei Lehmkuhl, Tel.: 089/ 38 01 50 17.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare