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Proben für den Theaterauftritt: Jugendliche der Mittelschule an der Münchner Simmernstraße lesen Texte Gleichaltriger, die in der NS-Zeit terrorisiert worden waren.

Lesung am Volkstheater

Sie geben dem Leid eine Stimme

München - Im Volkstheater lesen Schüler aus Texten jüdischer Jugendlicher, die von den Nazis verfolgt wurden.

Die Jalousien sind unten. Sechs Schülerinnen stehen vor den Fenstern. Alle tragen Schwarz. Eine hat ihre Arme vor dem Körper verschränkt. Eine Stimme vom Ende des Raums – der Lehrer. „Du brauchst diese Abwehrhaltung nicht. Die Leute tun Dir nichts. Ganz im Gegenteil. Du tust ihnen was, und zwar was Gutes.“ Etwas Großes werden die Mädchen vom Münchner Bertolt-Brecht-Gymnasium mit Sicherheit leisten.

Das „Bert Brecht“ ist eine von mehreren Schulen, die heute im Münchner Volkstheater beim „Tag der Quellen“ beteiligt sind. Journale, Briefe und Aufsätze jüdischer Jugendlicher aus der Zeit des Nationalsozialismus werden vorgelesen. Die Texte stammen aus einem Editionsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte und geben einen erschütternden Eindruck vom Leid der jüdischen Bevölkerung. Dass sich Schüler auf der Bühne mit diesen Zeugnissen befassen, geht auf Volkstheater-Intendant Christian Stückl zurück. Der war im Januar anwesend, als die Edition im Jüdischen Gemeindezentrum vorgestellt wurde. Damals las Matthias Brandt Tagebucheinträge von Kindern vor. Doch so brillant der Schauspieler sprach – Stückl konnte er nicht überzeugen. Viel lieber hätte dieser die Texte aus den Mündern Gleichaltriger gehört.

So ist der „Tag der Quellen“ entstanden. Nicht zufällig findet er kurz vor dem 9. November statt, an dem sich die Reichspogromnacht zum 75. Mal jährt. 14 Münchner Schulen konnte man gewinnen. „Uns war es wichtig, dass es nicht nur Gymnasien sind“, sagt Frederik Mayet vom Volkstheater. So beteiligen sich eine Berufsoberschule, eine Fachoberschule, zwei Realschulen und zwei Mittelschulen. Viele der Lehrer sprangen sofort auf Stückls Idee an – auch Karl-Jörgen Simonsen vom „Bert Brecht“: „Den damals bedrängten Jugendlichen eine Stimme zu geben, das ist eine sehr persönliche, sehr berührende, letztlich sehr humane Form, sich dem schwierigen Thema zu nähern.“

Aber was ist mit den Schülern? Wollen sich Pubertierende mehr als nötig mit dem schlimmsten Kapitel unserer Historie auseinandersetzen? Ewald Reder von der Joseph-von-Fraunhofer-Realschule hatte eine originelle Idee, das Interesse seiner achten Klasse zu wecken. Da die Nazizeit erst in der neunten Jahrgangsstufe Thema wird, konfrontierte der Deutschlehrer die Kinder beim Wandertag mit der Geschichte. Dabei klapperte die Klasse ehemalige Standorte von Synagogen ab, besuchte das Jüdische Zentrum am Jakobsplatz und den Festsaal des Alten Rathauses, Ausgangspunkt der Pogromnacht 1938. „Besonders anschaulich war unser Besuch im Jüdischen Museum“, erzählt Reder. „Dort waren alte Bilder des jüdischen München zu sehen. Die Schüler fragten: Warum sind diese Orte heute nicht mehr da?“

Birgit Dittmer-Glaubig hatte es leichter. „Die meisten Schüler hatten Vorwissen“, sagt die Konrektorin der Mittelschule an der Simmernstraße. „Das Projekt ist ja auch für Abschlussklassen gedacht.“ Acht Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren werden heute unter ihrer Ägide lesen. Andreas Moisidis, 16, hat sich freiwillig gemeldet. „Das Thema Zweiter Weltkrieg interessiert mich.“ Wie die anderen hat er seinen Text, den Bericht einer 18-jährigen jüdischen Schülerin aus dem Jahr 1934, selbst ausgewählt. „Sie beschreibt, wie der Lehrer in der Schule mit ihnen über die ,Judenfrage‘ diskutiert. Alles gipfelt in dem Satz, dass der Lehrer die Juden ,leidenschaftslos‘  bekämpfen will. Daran sieht man, dass er zwar nicht überzeugt ist, aber eben ein richtiger Mitläufer.“

Wer sich für das Projekt meldete, musste sozusagen Überstunden schieben. Seit Anfang Oktober traf man sich ein- bis zweimal pro Woche, um zu proben. Dittmer-Glaubig: „Die Lesung motiviert sie ungemein. Die Tagebucheinträge zeigen, dass die Nazizeit nicht nur etwas ist, was in den Geschichtsbüchern steht. Damit waren Menschen verbunden.“

20 Minuten hat jede Schule auf der Bühne Zeit. Wie die Klassen den Vortrag inszenieren, ob mit Musik, Power Point oder Schauspiel, ist frei. Ein Jugendlicher von jeder Schule darf sich nach den Lesungen mit Andreas Bönte vom BR zusammensetzen. Gemeinsam werden sie Fragen an Charlotte Knobloch und Heinz Hesdörffer entwerfen. Die Überlebenden der Shoah werden am Abend sprechen. Zainab Ghaiby vom Brecht-Gymnasium weiß, was sie gerne wissen würde: „Sie haben so viele Erfahrungen in ihrem Leben gesammelt. Mich würde interessieren, was sie uns, quasi der heutigen Jugend, am liebsten mit auf den Weg geben würden.“

Am Donnerstag, 7. Juli:

Lesung von 9-15.30 Uhr, Eintritt frei; Nacht der Zeitzeugen, 20 Uhr; 089/ 52 34 655.

Katrin Hildebrand

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