Mann droht mit Bomben: Entwarnung nach Großeinsatz in München und Ingolstadt

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Voll von Herzlichkeit

- Er trägt einen berühmten Namen: George Wyland-Herzfelde. Sein Vater, Wieland Herzfelde, war der Gründer des berühmten Malik-Verlages; sein Onkel, der sich John Heartfield nannte, der "Erfinder" der Fotomontage; sein Pate der geniale Zeichner George Grosz. Und er selbst, der jetzt seine ersten 24 Lebensjahre als Buch veröffentlichte, war eine Zeit lang auch nicht ganz unbekannt: nämlich als Eiskunstläufer, als der er in amerikanischen Revuen und Eistheatern auftrat. Er verdiente damit sogar ein bisschen Geld, das es ihm ermöglichte, seinen Eltern Dinge zu schenken, die sie sich als Exilanten nicht leisten konnten im reichen Amerika.

<P>Die Geschichte seiner Jugend - "Glück gehabt" nennt er seine Erinnerungen - ist deshalb so bemerkenswert, weil sie authentisch ist in jedem Wort. Weil der Autor ungeschönt und frei von Eitelkeit, unverblümt und voller Herzlichkeit erzählt: von seiner Kindheit in Berlin, wo der Verlag des Vaters schnell reüssierte und die Familie einigermaßen luxuriös im feinen Villen-Westen lebte. Von der heraufziehenden Nazizeit, als sich die Familie nicht nur weil sie Juden, sondern weil sie noch dazu Kommunisten waren, fürchten mussten, zusammengeschlagen zu werden. Der Sohn wurde sicherheitshalber nach Salzburg zu den Eltern der Mutter gebracht, wo er wohl die schönsten Jahre seiner Kindheit erleben durfte.<BR><BR>In seinen Erinnerungen, in denen er auch seinen geheimnisvollen Großeltern väterlicherseits und damit der absonderlichen Existenz des in München wegen Majestätsbeleidigung zu Gefängnis verurteilten Schriftstellers Franz Held nachgeht, entsteht alles höchst lebendig und nachfühlbar noch einmal neu. George Wyland-Herzfelde war ja noch ein Kind, da musste er 1938 auch Österreich verlassen. Mit den Eltern lebte er nun in Prag, in primitiver Enge, aber glücklich beisammen.<BR><BR>Von dort aus unternahm die Familie eine Polit-Reise nach Moskau. Die berüchtigten Prozesse der Stalinisten, die Verhaftungen, das spurlose Verschwinden von Menschen, die Überlebensintrigen der deutschen Kommunisten untereinander, die Furcht, in die mörderischen Mühlen Stalins zu geraten, dazu der Ehe-gefährdende Zweifel der nicht-kommunistischen Mutter gegenüber System und Menschen - das alles beschreibt Wyland-Herzfelde in feiner Anschaulichkeit. Und erzählt auch, dass Wilhelm Pick, der spätere erste Präsident der DDR, es war, der den Vater insgeheim warnte, wenn notwendig, nicht Zuflucht in der Sowjetunion zu suchen, sondern in einem westlichen Land. Was die Familie auch tat. Zunächst in der Schweiz, dann in den USA.<BR><BR>Überall, wo George Wyland-Herzfelde mit seinen Eltern lebte, gehörten die linksintellektuellen Größen zum alltäglichen Umgang seines Vaters. Das Exil als harte Überlebensfron für diejenigen, die nicht wie etwa Lion Feuchtwanger, Thomas Mann oder Bertolt Brecht durch ihre international erfolgreichen Arbeiten schon längst beträchtliches Kapital im Ausland besaßen. Eine Geistesgröße wie der Philosoph und Herzfelde-Freund Ernst Bloch zum Beispiel hatte sich, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können, um die Stelle eines Heizers beworben. "Immerhin in einem Universitätsgebäude", zitiert ihn George Wyland-Herzfelde. "Aber er hat die Stelle nicht bekommen." Schließlich habe Bloch Arbeit "bei einem Verlag" gefunden, was konkret bedeutete: in der Spedition eines Boulevardblattes.<BR>Die Erinnerungen Wyland-Herzfeldes an jene Jahre 1925 bis 1949 bergen eine Fülle kleiner Einzelgeschichten. Als Splitter, als Teile eines Puzzles ergeben sie über die Lektüre hinweg eine vollständige, in kräftigen Farben gemalte, menschlich stark berührende Impression dieser Zeit.<BR><BR>Der Autor versagte sich schließlich, 1949 seinen Eltern nach Deutschland, nach Ost-Berlin zu folgen. Er ist einen anderen Weg als sein Vater gegangen. Er hat viele Berufe ausgeübt, zunächst in den USA, ab 1968 in der Schweiz: vom Eiskunstläufer bis zum Vertreter von Gefriertruhen, vom Schauspieler bis zum Werbefilmer, vom Entwicklungshelfer bis zum Schriftsteller.</P><P>George Wyland-Herzfelde: "Glück gehabt". Erinnerungen. dtv, München. 297 Seiten, 15 Euro.<BR><BR>Der Autor ist heute (Dienstag, 27.05.03)  zur Lesung in München: 20 Uhr, Villa Stuck. Eintritt fünf Euro. Moderation: Ellen Presser. Karten unter 089/ 47 10 67.<BR></P>

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