Mit Vollbart voraus

- Einen dichten Bart musste er sich wachsen lassen. "Und das in dieser Hitze", stöhnt John Daszak lachend. Der englische Tenor nahm es gerne auf sich, denn er wird am kommenden Mittwoch auf der Bühne des Nationaltheaters stehen, wenn die Opernfestspiele mit Arnold Schönbergs "Moses und Aron" ihre Eröffnungspremiere haben. Zubin Mehta dirigiert, David Pountney inszenierte und verordnete John Daszaks Aron einen Vollbart. Denn auch John Tomlinson trägt einen - für Moses nicht unpassend.

"Wir haben beide identische Kostüme, schwarze Hosen, darüber naturfarbenes Leinen. Weil wir wie Zwillinge oder wie die zwei Seiten einer Figur wirken sollen", erklärt Daszak, der sich auch privat mit seinem Kollegen gut versteht - bei gemeinsamem Essen oder beim Fußball-Schauen.

Moses und Aron, zwei wichtige Gestalten des Alten Testamentes, stehen in Schönbergs 1931/32 entstandener Oper im Mittelpunkt. "Doch nicht die biblische Geschichte ist ihm wichtig. Er nutzt die Figuren vielmehr, um seine Philosophie auszudrücken: Moses ist sehr klar, verfolgt seine Idee. Er ist der Gedanken-Mensch, der Fundamentalist, der in direkter Verbindung zu Gott steht. Zum unsichtbaren, allmächtigen Gott, den das Volk nicht (be-)greifen kann. Zur Vermittlung braucht er Aron, den wortgewandten Showman, Politiker, Personal Manager, der das Volk versteht und ihm verspricht, dass mit dem neuen Gott alles besser wird. Der ihm aber auch, als Moses fern ist und es aufbegehrt, seine alten Götter zurückgibt."

Nicht nur dem israelitischen Volk, vermutlich auch dem Münchner Publikum wird Aron sympathischer erscheinen. Zumal er in Pountneys aktueller Schlussdeutung einfach weggedrückt wird, wie Daszak verrät, "und Moses ein repressives Regime aufbauen wird, da er erkannt hat, dass die Kommunikation über Aron nicht funktioniert hat".

Und noch einen Bonus besitzt Aron gegenüber Moses: Er darf "richtig" singen. Für John Daszak ist die Münchner Festspiel-Inszenierung die erste Begegnung mit Schönberg. "Aber ich habe ja hier schon den Alwa in Alban Bergs ,Lulu’ gesungen und so Bekanntschaft mit der Zwölfton-Musik gemacht. Obwohl es gewisse Ähnlichkeiten gibt, erscheint mir die Partie des Aron musikalisch leichter, weil sie mehr lyrische Linien und weniger Sprünge aufweist." Mit zeitgenössischer Musik setzt sich der Sänger, der hier auch als Captain Vere in Brittens "Billy Budd" zu hören war, überhaupt gern auseinander.

Unter anderem hat er die Hauptpartie in David Sawers "From Morning to Midnight" kreiert und in Thomas Adè`s' Shakespeare-Oper "The Tempest" mitgewirkt. "Wenn ich an neuer Musik arbeite, werde ich geradezu obsessiv hineingezogen. Mehr jedenfalls als in eine ,Butterfly’, obwohl ich Puccini mag." Deshalb sucht Daszak die "gute Mischung, die Stimme, Verstand und Seele gesund hält".

Er pflegt sein italienisches Repertoire, singt einen Boris in "Katja Kabanova" oder einen Peter Grimes, aber auch einen (englischen) Max im "Freischütz". Und Richard Wagner? "Mir wurden schon öfter Siegmund und Siegfried angeboten, aber ich habe immer abgelehnt, weil ich schon so viele Geschichten gehört hatte von Tenören, die sich zu früh an Wagner gewagt und hinterher Probleme mit ihrem Repertoire gehabt hatten."

Kürzlich entschied er sich dennoch für Wagner, denn Zubin Mehta bot ihm den Loge an. "Die Partie ist nicht zu hoch, nicht zu tief, es ist die perfekte Rolle und ein interessanter Charakter", sagt Daszak, der sich auf sein Wagner-Debüt in Valencia im Sommer 2007 freut.

Auch München wird weiterhin auf dem Reiseplan des sympathischen Briten, der mit einer Sopranistin verheiratet ist und zwei Kinder hat, stehen. Nicht nur Aron, Alwa und Captain Vere locken ihn wieder an die Isar. Auch für eine neue Partie fliegt er in der kommenden Saison nach München - den Fürsten Wassili Golizyn in Mussorgskys "Chowanschtschina".

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