Mit vollem Tanz-Karacho

- "Schenke deinen Tänzern Vertrauen, dann entwickeln sie sich zu Choreographen." Jetzt schenken die Tänzer Philip Taylor etwas zurück: Neben zwei Gästen sind es immerhin drei Ehemalige und ein Noch-Mitglied seines BallettTheaters München (BTM), die seine vorletzte Premiere im Münchner Gärtnerplatz bestreiten. Und die nennt er denn auch mit berechtigtem Stolz "Creative House". Es ist ein kreativ-abwechslungsreicher Abend ­ aufgelockert mit ein bisschen Tanztheater-Jux-und-Gaudi. Caroline Finn, durchgehend auch tänzerisch im Einsatz, lässt die Insassen einer Klapsmühle in einem schräg-skurrilen Gute-Nacht-Tänzchen ausflippen. Und Ex-Kollegin Annett Göhre verfrachtet die neun ersten Zuschauerreihen auf die Bühne, damit elf Tänzer in dem geleerten Parkett-Teil einmal Publikums-Unarten (pennen, drängeln, bravojodeln etc.) mit vollem Tanz-Karacho parodieren können. Die Gemeinten hatten ihren Heidenspaß dabei.

Ernster zu nehmen ist der Spanier Cayetano Soto. Seine Arbeit zu unaufdringlich melancholischen Musiken von Georges Ivanovitch Gurdjieff wirkt irgendwie noch unfertig, verrät aber Sotos Talent für dynamisch-plastische Körperformen, sein Gespür vor allem für die poetische Verbindung von Tanz und Musik.

Absoluter Kontrast dazu der Holländer David Middendorp, ein Techno-Tüftler. Seinem Protagonisten hat er eine Roboter-Ersatzfrau zugesellt. Der Pas de deux des liebesschmachtenden Strohwitwers mit dem herumkurvenden Maschinchen funktioniert bestens. Und es stimmt vor allem der Comic-Humor: Das ungleiche Paar befindet sich nämlich auch als Animation in Middendorps exzellentem Video. Wenn unser Held zum Beispiel in einem Ballettsprung hinter dem Videoscreen verschwindet, bleibt er sogleich im Bild in surrealem Spagat in der Luft stehen. Aus der Interaktion zwischen Bühnengeschehen und virtueller Welt zaubert Middendorp seine so witzig erzählte Liebesgeschichte, die noch eine hinreißend unerwartete Wendung nimmt...

Noch sind das alles keine großen Würfe. Aber die Kunst der Choreographie braucht Zeit und Pflege. Zu sehen an Gastchoreographin Jennifer Hanna. Zum vierten Mal hat Taylor ihr im BTM eine Chance gegeben. Und dieses "Ciel" ("Himmel") ist ihr nun wirklich sehr schön gelungen. Zu Mozart-Musiken schickt sie einmal sechs, dann zehn Tänzer in großen Lauf-Formationen über die Bühne und flicht ins Laufen selbst Armschwünge, Drehungen, Sprünge und kleine barocke Handgesten ein. Der Tanz ist dabei immer in harmonischem Rhythmus mit dem Atem, was dem Stück eine meditativ-spirituelle Qualität verleiht.

Bei Antony Rizzi schließlich, einem langjährigen Tänzer beim großen William Forsythe, spürt man die Pranke des Superprofis. Er zeigt auf einem Video und synchron im Tanz, was die menschliche Hand alles machen kann: vom Partyhäppchen-Greifen bis zum Klavierspielen. Und aus der Handbewegung als ursprünglichem Impulsgeber entwickelt er für sechs Tänzer eine Choreographie aus Bild, Bewegung, Musik und politisch getöntem Text (Ryuichi Sakamotos "War & Peace"). In ihrer postmodern komplex geschichteten Machart fordert sie alle Sinne, ist aber mit einem Tanzstil à la Forsythe zugleich ungemein sinnlich ­ ästhetisch-sinnlich, weil in den ständig brechenden Körperlinien noch ein Rest klassisches Ballett durchscheint. Diesen für sie neuen Stil haben sich Taylors Tänzer schnell und glänzend angeeignet. Übrigens: Rizzis Titel lautet "Noch mal von vorne". Ob er da nicht Tanzchef Taylor, der ja, mit anstehendem Intendantenwechsel, Ende der Spielzeit nicht ganz freiwillig das Haus verlässt, Mut machen will?

15. 2., 1. und 16. 3. jeweils 20 Uhr; am 25. 3. um 19 Uhr.

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