Voller Freude an der imponierenden Partitur

München - Herbert Blomstedt und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielen Bruckners Siebte im Münchner Herkulessaal. Lesen Sie hier die Kritik:

Es riecht nach Klischee. Aber vielleicht ist an der Rentengrenze für die Bescheidenen unter den Pultmännern wirklich eine Tür. Wer die durchschreitet, der muss bei Bruckner sich und anderen nichts mehr beweisen. Der lässt sich nicht von jedem Crescendo aus der Fassung bringen. Der erfreut sich mit Musikern und Publikum an der imponierenden Partitur, ohne in Hysterie oder Inszenierungswut zu verfallen.

Herbert Blomstedt, 84, ist noch einige Schritte weiter. Umsicht, Souveränität, Eleganz, Sinn für natürliche Theatralik, auch fürs Volkstümliche und Tänzerische dieser Musik, die Liebe zum Detail, das wie selbstverständlich eingebettet wird ins große Ganze: All das sprach aus seiner Deutung von Bruckners Siebter beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Der Herkulessaal, gewiss, ist zu klein für den Koloss. Aber wie Blomstedt Bruckners Ballungen auseinandernahm, ohne sie zu entschärfen, wie er den Blechbläsersatz strukturierte, wie er die Kommunikation im Orchester verdeutlichte, das wirkte auch hier.

Immer wieder wurde das Geschehen ins Piano, in die Entspannung zurückgeholt. Blomstedt hielt die Tempi enorm flexibel. Ein sich stufenlos wandelndes, organisches, nie zementiertes Ereignis war diese Siebte. Das Adagio, sehr langsam, war stets sacht durchpulst, sein Höhepunkt ein gelassener Triumph. Und dem Finale gab Blomstedt so viel Gewicht, dass es gegen die anderen Sätze bestand.

Mehr als eine Ergänzung: Karl Amadeus Hartmanns „Concerto funebre“ vor der Pause, von Thomas Zehetmair in Fahlfarben getaucht, mit risikoreichem Ton an der Grenze zum Unhörbaren und zum Geräusch gespielt. Keine Tränenarbeit wurde da verrichtet, sondern eine großartige Partitur in aller Bescheidenheit nachvollzogen. Mehr als alle Interpretation zählte aber anderes: das starke Einverständnis des Orchesters mit Blomstedts Vorgaben. Die kleinsten Zeichen des großen Alten wurden zu einer selbst hier selten erlebten Geschlossenheit umgesetzt. Da kann jeder Chefdirigent eifersüchtig werden.

Markus Thiel

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